Wenn’s kalt wird, müssen Raucher leiden

In der Gaststätte Marnette an der Lindenstraße hat es Gastwirt Theo Marnette für Raucher gemütlich gemacht: Sie sitzen in bequemen Strandkörben unter Heizstrahlern, zur Adventszeit  sogar mit weihnachtlicher Beleuchtung.
In der Gaststätte Marnette an der Lindenstraße hat es Gastwirt Theo Marnette für Raucher gemütlich gemacht: Sie sitzen in bequemen Strandkörben unter Heizstrahlern, zur Adventszeit sogar mit weihnachtlicher Beleuchtung.
Foto: WAZ FotoPool

Gladbeck.  Im Sommer war’s noch ganz entspannt: Dank der Außengastronomie fiel es kaum auf, dass seit dem Frühjahr in Nordrhein-Westfalen das absolute Rauchverbot gilt. Die Nagelprobe beginnt eigentlich erst jetzt mit den sinkenden Temperaturen. Wer steht schon gern bibbernd auf der Straße, wenn er eine Zigarette rauchen will?

Wolfgang Leitner merkt den Umsatzrückgang schon. Der 45-Jährige betreibt seit sechs Jahren die „Novelle“ an der Humboldtstraße, eine typische kleine Eckkneipe, bis zur Verschärfung des Nichtraucherschutzgesetzes ein „Raucherclub“ – dieses Schlupfloch ist seit dem 1. Mai 2013 dicht.

Die meisten Stammgäste, darunter auch etliche Nichtraucher, haben ihm zwar die Treue gehalten, aber: „Sie bleiben nicht mehr so lange wie früher. Statt zehn oder 15 Bier trinken sie fünf und gehen dann nach Hause.“ Leitner setzt seine Hoffnung auf einen Volksentscheid, den die Raucherinitiative „NRW genießt“ anstrebt – und schließt bis dahin vorsorglich nur noch Ein-Jahres-Pachtverträge für seine Kneipe ab.

Auch der Wirt steht draußen

Bis zum Frühjahr gab’s für die Raucher im „Haus Dörnemann“ an der Meerstraße in Ellinghorst zumindest noch einen separaten Raum. Auch das ist jetzt verboten. Wirt Dieter Gatzmanga hat dafür überhaupt kein Verständnis. 20 Prozent Umsatzrückgang müsse er schon jetzt verkraften, und ungemütlich sei es obendrein, „wenn immer die Hälfte der Gäste vor der Tür steht“ – der Wirt übrigens inbegriffen. Knobel- und Skatrunden gebe es deutlich weniger im Haus Dörnemann. Dieter Gatzmanga: „Seit sie hier nicht mehr rauchen dürfen, treffen sich viele Leute in ihren eigenen Gartenlauben.“ Der 61-Jährige wünschte sich, dass jeder Wirt selbst entscheiden könnte, ob er eine Raucher- oder Nichtraucherkneipe betreiben möchte. „Dann können sich die Gäste aussuchen, wo sie hingehen wollen.“

Ute Dornik sitzt, in eine Wolldecke gewickelt, vor dem Eiscafé Cortina, trinkt ihren Cappuccino – und raucht. „Ich finde es unmöglich, dass Raucher überall ausgegrenzt werden. Und wenn man Pech hat, wird man sogar noch angemacht, wenn man hier im Freien raucht“, ärgert sich die 50-Jährige. Tischnachbarin Anne Böhm wünscht sich die Zeit der separaten Raucherräume zurück – und läuft bei Rosanna Fabbro offene Türen ein. Die Cortina-Chefin ärgert sich mächtig über die verschärften Regeln: „Als das erste Nichtraucherschutzgesetz in Kraft trat, haben wir viel Geld in einen Raucherraum investiert. Der war morgens immer voll besetzt, auch Nichtraucher fanden es da übrigens gemütlich. Jetzt kommen die Raucher nicht mehr, und das spürt man in der Kasse.“

Anne Böhm hat einen Moment nachgedacht – und der passionierten Raucherin („seit meinem 16. Lebensjahr, jetzt bin ich 58“) fällt dann tatsächlich noch ein positiver Aspekt ein: „Ich bin damals durch den Zeitgeist und die ganze Werbung quasi zur Raucherin gemacht worden. Das ist bei den jungen Leuten heute anders. Vielleicht und hoffentlich bewahrt das viele davor, zur Zigarette zu greifen.“

Ordnungsamt reagiert nur auf Beschwerden

Seit dem 1. Mai 2013 gilt das absolute Rauchverbot auch in Kneipen und Restaurants. Auf die Arbeit im Amt für öffentliche Ordnung hat sich das bislang nicht ausgewirkt. „Wir kontrollieren nicht Kneipe für Kneipe“, erklärt Amtsleiter Jürgen Hertling. Das sei schon aus personellen Gründen gar nicht möglich. Fünf Mitarbeiter im zentralen Ermittlungsdienst, angesiedelt in der Gewerbeabteilung, sind zuständig, müssen sich aber auch zum Beispiel um den Wochenmarkt und um korrekte Preisauszeichnungen kümmern.

„In Sachen Nichtraucherschutz reagieren wir auf Beschwerden“, sagt Hertling – die aber gebe es bisher kaum. Aktuell beklagt sich ein Nachbar einer Kneipe über den Qualm und den abendlichen Lärm unter seinen Fenstern. „Wir prüfen gerade, wie wir da verfahren, denn solche Fälle sind durch das Gesetz nicht abgedeckt.“

In Gladbeck scheinen sich Wirte und Gäste also ans Gesetz zu halten. Vielleicht wegen der drohenden Bußgelder: Bei Verstoß zahlen Gastronomen beim ersten Bußgeldbescheid 200 Euro, im Wiederholungsfall werden 400, 800, 1600 und schließlich 2500 Euro fällig. Werden Gäste von Mitarbeitern des Ordnungsamtes beim Rauchen erwischt, kostet sie das 35 Euro Bußgeld. Wenn sie Glück haben, kommen sie beim ersten Mal mit einer mündlichen Verwarnung davon.

 
 

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