Triennale bringt „Die Franzosen“ in die Maschinenhalle

Ruhrtriennale in Zweckel: Bartosz Gelner trat als einer der Erzähler auf.
Ruhrtriennale in Zweckel: Bartosz Gelner trat als einer der Erzähler auf.
Foto: FUNKE FotoServices
Das „Ensemble Nowy Teatr“ aus Warschau steuert zur Ruhrtriennale einen gut vierstündigen kritischen Blick auf den Umbruch einer Gesellschaft bei.

Gladbeck. Eine bühnenreife Szenerie, noch bevor ein Mime auftritt. Chic in Samt und Seide gehüllt flanieren Damen vor der Kulisse der Maschinenhalle Zweckel auf und ab, begrüßen Freunde und Bekannte: Küßchen hier, Küßchen da.

Auch die meisten Herren haben sich nicht lumpen lassen. Elegante Anzüge bestimmen das Bild, eine perlgraue Fliege blitzt am Kragen eines Besuchers in der Abendsonne. Auch das Dottergelb, in das die Dame auf der Außentreppe geschlüpft ist, leuchtet auf. Ist’s eine Schauspielerin? Ein Lockenkopf hat sich einen Proust-Band unter den Arm geklemmt, andere Theaterfreunde versinken in Gartenstühlen und vertiefen sich bei einem Gläschen Wein in das Programmheft von „Die Franzosen“ – ob’s hilft, der Uraufführung zu folgen? Denn eine leicht bekömmliche Kost ist das Schauspiel nicht, das das Ensemble des „Nowy Teatr“ Warschau unter der Regie von Krzysztof Warlikowski zur Ruhrtriennale beisteuert, ein Kooperationswerk mehrerer Partner. Ein anstrengender Abend liegt vor Darstellern und Publikum.

Europa in der Reflektion

Was sich in viereinhalb Stunden auf der Bühne mit dem überdimensionalen Bar-Tresen abspielt, offenbart Brüche und Wandel in einer Gesellschaft. Warlikowski hat sich von Marcel Prousts Monumentalwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ inspirieren lassen. Am Beispiel der Franzosen vor 100 Jahren wirft er auf das Europa unserer Tage einen scharfen, kritischen Blick. In polnischer Sprache – mit Übertiteln in Deutsch und Englisch – entfaltet sich ein Sprachgewebe mit schier unzähligen Verknüpfungen. Politik, Geschichte, Antisemitismus, Homosexualität, Intoleranz, Tod und Kunst, Leidenschaft und Liebe: Themen, die in oft brutaler Bösartigkeit vor den Zuschauern ausgebreitet werden. Der Niedergang wird beschrieen.

Geschlossene Gesellschaft im Glaskasten

Die Protagonisten gleiten auf Schienen in einem Schaukasten ins Blickfeld: die Hautevolee hinter Glas, eine geschlossene Gesellschaft. Nach und nach treten die Figuren aus diesem Raum, beschäftigen sich in Dialogen und Monologen mit ihrer (Gedanken-)Welt, treffen in wechselnden Konstellationen wieder auf einander. Der Erzähler (Zygmunt Malanowicz und Bartosz Gelner) ist ebenso ein Alter Ego Prousts wie „Charles Swann“ (Mariusz Bonaszewski). Wie Smalltalk ist so manches leichthin dahingesagt.

Statisch scheint diese Gesellschaft, Bewegungen sind sparsam gesetzt. Lautstarke Gefühlsausbrüche wirken so verstörend, dass bei einigen Zuschauern unwillkürlich die Hände zu den Ohren fahren. Videoeinspielungen, tänzerische Episoden, Musik und Gesang sind Bestandteil des Bühnengeschehens. Nicht so die Fledermäuse, die aufgeschreckt durch die Halle flattern.

Kultur-Publikum aus dem In- und Ausland reist nach Gladbeck

„Was will uns der Regisseur sagen?“ In der ersten Pause diskutieren die Besucher. Deutsch, viel Polnisch, Französisch, Niederländisch, und Englisch schwirren durch den Eingangsbereich der Halle. „Was für ein schreckliches Leben, alles Denken geht nur darum, wer mit wem Sex hat“, sagt eine Zuschauerin mit süddeutschem Dialekt.

Die Kennzeichen der Autos auf dem Parkplatz zeigen: Viele Besucher haben eine längere Anreise hinter sich: Sie kommen aus dem Ruhrgebiet, aus Köln, Wiesbaden, Belgien und Frankreich. Nach der zweiten Pause bleiben auf der Tribüne etliche Stühle unbesetzt. Die Welt der „Franzosen“ versinkt um kurz nach Mitternacht im Dunkel der Maschinenhalle. In den anerkennenden Applaus des Publikums mischen sich Bravo-Rufe.

 
 

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