Talk am Turm nimmt die Zukunft der Ruhrgebiets ins Visier

Michael Bresgott
Talk am Turm mit IGBCE-Chef Michael Vassiliadis (links), WAZ-Lokalchefin Maria Lüning-Heyenrath und Regierungspräsident Dr. Gerd Bollermann (Arnsberg).
Talk am Turm mit IGBCE-Chef Michael Vassiliadis (links), WAZ-Lokalchefin Maria Lüning-Heyenrath und Regierungspräsident Dr. Gerd Bollermann (Arnsberg).
Foto: Funke Foto Services
Rund 100 Zuhörer kamen ins Luther Forum - zwei prominente Gäste äußerten sich zur Zukunft des Reviers: „Vergangenheit abstreifen - Zukunft gestalten“.

Gladbeck.  IGBCE-Chef Michael Vassiliadis richtete am Montagabend beim Talk am Turm im Lutherforum einen klaren Appell an die Wirtschaft: „Die Unternehmen müssen noch genauer hinschauen, was es im Ruhrgebiet gibt“, sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie vor rund 100 Zuhörern im Großen Saal des Luther Forums.

Eine gut ausgebaute Infrastruktur und eine ebenso gut ausgebildete, weitestgehend industrie-freundliche Bevölkerung zählten zu den beachtenswerten Standortvorteilen des Ruhrgebiets, die auch für Firmen-Ansiedlungen von Vorteil seien. Vassiliadis: „Das ist wirklich einmalig in Europa.“

Moderiert von WAZ-Lokalchefin Maria Lüning-Heyenrath ging es beim Talk am Turm ums Thema „Vergangenheit abstreifen - Zukunft gestalten“, also um den Strukturwandel in der Region, um Risiken und Chancen dieses Prozesses. Das ist nicht gerade eine wirklich neue Themenstellung in dieser Region, doch mit dem nahenden Kohleausstieg im Jahr 2018 gewinnt diese Frage eine neue Dramatik.

Logistik, innovative Werkstoffe und medizinische Dienstleistungen gelten als drei Zukunfts-Branchen des Ruhrgebiets, das weiterhin versucht, einen behutsamen, gleitenden Übergang aus der Bergbau-Ära in neue zukunftsträchtige Bereiche zu schaffen. Und genau auf diese Leistung der Ruhr-Region spielte Vassiliadis an, als er formulierte: „Wenn Sie wirklich sehen wollen, wie man den Menschen den Strukturwandel vor die Füße wirft, dann fahren Sie nach Detroit.“

Der Niedergang der US-Automobilindustrie hat die US-Großstadt bekanntlich zum Armenhaus der Vereinigten Staaten gemacht. Ähnliches ist im Zuge des Rückgangs des Bergbaus und der Montanindustrie im Revier nicht passiert, dank umfangreicher sozialer Abfederungen dieses Prozesses. Der IGBCE-Chef unterstrich denn auch im Luther Forum: „Über alles gesehen ist das Ruhrgebiet ein gutes Beispiel dafür, dass eine Region die Herausforderungen des Strukturwandels annimmt und meistert.“

An diesem Punkt knüpfte auch Regierungspräsident Bollermann an, der mehrfach betonte, dass es gelte, neue Kompetenzen und innovative Ideen in die Region zu holen; nachhaltiger Wissenstransfer von den Hochschulstandorten in die betriebliche Produktionspraxis seien ebenso ein unverzichtbarer Baustein dafür wie Wissenschafts- und Forschungsnetzwerke. All das gebe es schon an der Ruhr; und all das sei künftig konsequent auszubauen und weiterhin zu intensivieren. Bollermann: „Bildung ist der Schlüssel für die Zukunft.“

Und unverzichtbar sei ebenso eine Willkommenskultur für qualifizierte und qualifizierungswillige Zuwanderer. Denn die demographischen Verluste, die das Ruhrgebiet zu verzeichnen haben, seien nach wie vor beachtlich.

Altlasten sind ein Problem - Investoren bevorzugen frische Flächen

Ja, das Ruhrgebiet leidet unter Flächenmangel für Neuansiedlungen, attestierte Gerd Bollermann nach der kritischen Anfrage eines Besuchers des Talks am Turm. Viele Flächen wiesen Altlasten auf, die aus der Bergbau- und Montanvergangenheit herrührten. Investoren bevorzugten aber frische Flächen. Das sei tatsächlich ein Problem der Region, wenn auch unterschiedlich stark ausgeprägt in den einzelnen Städten.

Eines der Lieblingsthemen von IGBCE-Chef Vassiliadis ist bekanntlich die milliardenteure Energiewende, die er finanztechnisch komplett neu gestalten will und für die nach seiner Vorstellung statt der EEG-Umlage künftig Steuermittel eingesetzt werden sollten, weil das sozial gerechter sei. Eine ökonomisch effizienter gestaltete Energiewende mache öffentliche Mittel für ebenso Dringendes frei - wozu nach wie vor auch die Meisterung des Strukturwandels im Ruhrgebiet zähle, wie der IGBCE-Gewerkschaftschef im Martin Luther Forum unterstrich.

Ausführlich diskutierten die beiden prominenten Gäste zum Ausklang der Veranstaltung noch mit dem Publikum - ein Talk am Turm im Zeichen der Revierzukunft.