Sterbehilfe ist keine Form der Liebe

Die Koordinatorin des Hospizvereins Gladbeck, Beate Letzel.
Die Koordinatorin des Hospizvereins Gladbeck, Beate Letzel.
Foto: Oliver Mengedoht / FUNKE Foto Se
Welthospiztag ist am Samstag, 10. Oktober. Der Gladbecker Hospizverein ist mit einem Infostand dabei. Mit der Koordinatorin Beate Letzel sprach Gerhard Römhild.

Gladbeck.  Für Beate Letzel, seit acht Jahren Koordinatorin des Hospizvereins Gladbeck, den es seit 1998 gibt, gilt das fünfte Gebot: Du sollst nicht töten. Die Intensivstation-Krankenschwester am St. Barbara-Hospital ist ehrenamtlich fürs Hospiz tätig. Sie begleitet und berät todkranke und sterbende Menschen und sagt zu ihrem emotional anstrengenden Job: Da bleibe ich bei.

Genervt von der Diskussion um die Legalisierung der Sterbehilfe?

Beate Letzel: Nein, bin ich nicht. Es ist aber ein ganz aktuelles Thema und immer wieder interessant, sich mit Betroffenen, aber auch mit Gladbecker Bürgern darüber auszutauschen. Genau dies wollen wir am heutigen Samstag an unserem Infostand tun. Über dieses Thema kann man nicht genug drüber reden.

Warum darf ich nicht selbst bestimmen, wann mein Leben endet?

Nun, selbstbestimmen darf ich das ja schon, aber ich benötige Menschen die mir in diesem Moment zur Seite stehen.

Ist das nicht egoistisch, sich so aus dem Leben zu verabschieden?

Das ist kein Egoismus. Menschen, die ihr Leben selbst beenden möchten, tun das aus vielen verschiedenen Gründen. Nicht immer ist es der Grund: Ich bin schwerstkrank, ich habe Angst vor dem Tod und deswegen möchte ich das. Es gibt viele Gründe. Und wenn man denen im Gespräch auf den Grund gehen kann, wenn Bedürfnisse gestillt, gedeckt werden, wenn Ängste genommen werden können, dann treten viele Menschen davon zurück. Das ist unsere langjährige Erfahrung, die wir gemacht haben.

Ist aktive Sterbehilfe nicht eine Form der Liebe?

Ich würde da nein sagen, auch vom christlichen Kontext her. Es kann doch keine Liebe sein, wenn ich jemandem etwas verabreiche, damit er dann stirbt. Liebe ist für mich, dass man jemandem in schwieriger Situation zur Seite steht. Die Hospizbewegung ist eine Bewegung, die den Menschen die ganze Hand reicht. Die Menschen sollen an unserer Hand sterben und nicht durch unsere Hand.

Wie sollten wir mit leidenden und sterbenden Menschen umgehen?

Achtsam, wertschätzend. Viele Menschen möchten in dieser Phase so genommen werden wie sie sind, ohne großes Mitleid. Sie möchten das Gefühl haben, dass sie am Leben teilhaben. Sie wollen nicht von den Alltagsdingen ausgeschlossen werden.

Als was sollten wir die Phase des Sterbens begreifen?

Es gibt verschiedene Sterbephasen, die jeder Mensch anders durchlebt. Intensiv, weniger intensiv, manchmal werden auch Phasen übersprungen. Die Phasen führen langsam hin zum Tod. Es ist für die Betroffenen ein Ausatmen des Lebens.

Sind Sterben und Tod weiterhin Tabuthemen in unserer Gesellschaft?

Viele Menschen haben mehr Angst vor dem Sterben, als vor dem Tod. Also vor dem, was möglicherweise danach kommt. Im Gespräch spüre ich, dass das Thema mittlerweile nicht mehr so tabuisiert ist. Da wird schon offen über aktive Sterbehilfe gesprochen, die ja aus der Angst vor dem Sterben zur Sprache kommt. Aber aus Angst aktive Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, das finde ich sehr traurig. Deshalb bieten wir immer wieder Gespräche an, beratende und begleitende.

Wie gehen Ihre Mitarbeiter mit der durchaus belastenden Situation der Begleitung von Sterbenden um?

Sie werden in Kursen intensiv darauf vorbereitet, zusammen mit einem langjährig tätigen Mitarbeiter gehen sie dann in ihre erste Begleitung hinein. Einmal im Monat finden Gruppentreffen mit Reflexion und Supervision statt. Es gibt Rücksprachen und es wird gefragt: Geht es dir gut damit?

Was will die Hospizbewegung?

Cicely Saunders, Gründerin des ersten modernen Hospizes in London 1967, sagte, dass Hospizarbeit da noch ganz viel tun kann, wo viele Menschen sagen: Da können wir gar nichts mehr tun. Doch da setzt die Arbeit an, den Menschen noch individuelle Lebensqualität zu geben, die letzte Lebensphase so angenehm wie möglich zu gestalten. Dabei gilt: Wir begleiten Schwerstkranke, Sterbende und Angehörige. Oft setzen wir ja bei den Angehörigen an, weil der Sterbende uns gar nicht mehr so braucht. Aber die Angehörigen brauchen viel Zuspruch und Kraft.

Wird es irgendwann ein Hospiz in Gladbeck geben?

Das ist unser Wunsch. Und das ist auch unser Ziel, dass wir das irgendwann erreichen. Wir denken immer wieder drüber nach und wollen es in die Tat umsetzen.

Suchen Sie noch Mitarbeiter?

Ja, auf jeden Fall, jederzeit. Der Bedarf ist da.

 
 

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