Sozialpolitiker referiert vor Gladbecker VHS über Armut

Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands, im Lesecafé der Stadtbücherei.
Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands, im Lesecafé der Stadtbücherei.
Foto: Thomas Gödde
  • Die Volkshochschule begrüßte einen hochkarätigen Sozialpolitiker zu einer spannenden Diskussion über Armut
  • Dr. Ulrich Schneider, Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, sprach über eine gerechtere Verteilung des Wohlstands
  • 35 aufmerksame Zuhörer kamen ins Lesecafé der Stadtbücherei

Gladbeck.  Deutschland geht’s gut, das Land prosperiert wie schon lange nicht mehr. „Aber die Kinderarmut steigt in alarmierender Weise. Was läuft eigentlich falsch?“ Mit diesen einführenden Worten gab VHS-Leiter Dietrich Pollmann das Startsignal für eine tiefgehende Analyse und politische Diskussion über „Den Kampf um die Armut“ – ein Thema, zu dem der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Dr. Ulrich Schneider, im Lesecafé der Stadtbücherei viel zu sagen hatte.

Wie ein Stachel sitze die Armut in dem zunehmend reicher werdenden Land, beschrieb er eine gesellschaftliche Schieflage und Situation, die „moralisch nicht hinnehmbar sei.“ Dazu komme: „Um die Armut in unserem Land ist ein erbitterter Kampf ausgebrochen. Je größer sie wird, umso hartnäckiger das Leugnen derer, die ihren Reichtum oder ihre Macht bedroht sehen.“

Wobei auch über die Frage zu reden sei, wie Armut gemessen werde. Sind es nur die Menschen, die 60 Prozent oder weniger vom Durchschnittslohn haben? Oder nur diejenigen, die auf der Parkbank nächtigen müssen?

„Armut ist relativ“, sagt der Geschäftsführer eines der größten Sozialverbände. Der offizielle Warenkorb, der auch für die Bemessung der Hartz-IV-Leistungen zugrunde gelegt wird, sei dafür kein geeigneter Maßstab. „Es geht auch um die Möglichkeit der Teilhabe an der Gesellschaft.“ Dazu gehöre auch, am Abiball des Sohnes teilnehmen zu können – manche Familien könnten sich die Karte für 60 Euro pro Nase nicht leisten.

Altersarmut nach der Arbeitslosigkeit

Auch die Sorge um die zunehmende Altersarmut treibt die Sozialexperten um. Sie sehen darin die Folgen von Arbeitslosigkeit, von der seit den 70er Jahren Menschen in ihrer Berufsbiografie häufiger betroffen waren. Das schmälere die zu erwartende Rente immens. Noch bedrückender: Die Aussichen für Langzeitarbeitslose. Für sie müsse es einen öffentlich geförderten Arbeitsmarkt geben, der auch bei verminderter Arbeitsfähigkeit einige Stunden fair bezahlte Arbeit gebe, lautet eine Forderung, die seit längerem auch von Gewerkschaften und der SPD gefordert wird.

„Bei uns rennen sie offene Türen ein“, formulierte Gast Ulrich Klabuhn die Zustimmung eines großen Teils des Publikums. Rund 35 höchst aufmerksame Zuhörer, darunter u. a. Mitglieder der Partei Die Linke und Gewerkschafter, diskutierten mit dem prominenten Vertreter der Wohlfahrtsverbände über Lösungsmöglichkeiten und eine gerechtere Verteilung des Wohlstands.

„Ein erfrischender Abend ohne Denkbarrieren“, schildert der VHS-Leiter die engagierte Diskussion. Ein Indiz dafür, dass es nach der Zeit des Neoliberalismus jetzt eine Suche nach neuen Antworten in der Politik auf drängende soziale Fragen geben müsse.

 
 

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