Samstag ist Erbsensuppen-Tag

Maria Lüning
Einträchtig nebeneinander stehend wird andächtig die Suppe aus dem Plastikteller gelöffelt: Jeden Samstag am Stand von Pommer-Friedhelm, der hier aber nur Erbsensuppe verkauft. Fot: Jan Dinter
Einträchtig nebeneinander stehend wird andächtig die Suppe aus dem Plastikteller gelöffelt: Jeden Samstag am Stand von Pommer-Friedhelm, der hier aber nur Erbsensuppe verkauft. Fot: Jan Dinter
Foto: WAZ FotoPool
Jeden Samstag gibt’s an der Schillerstraße Erbsensuppe aus der Gulaschkanone. „Die beste weit und breit“, loben die Stammkunden den Koch.

„Schon beim Aufstehn fällt mir ein,/heut’ ist Erbsensuppen-Time. Ab halb elf steht der Kern der Truppe/harrend Friedhelms heißer Suppe. Wenn sich dann die Deckel heben,/Bauchfleisch und auch Würstchen beben . . .“ .

„Zweimal mit, einmal ohne. Und für den Oppa voll mit Fleisch.“ Friedhelm Kleymann rührt mit der Kelle einmal ganz tief unten im dampfenden Bottich und scheppt auf. Es ist Samstag, 11 Uhr morgens, und an der Schillerstraße geht die Erbsensuppe weg wie geschnitten Brot. „Mit“ ist die dicke Brühwurst, die in der grünen Suppe schwimmt. „Mit Fleisch“ ist ein ordentliches Stück von der Speckschwarte . „Lecker!“ Acht bis zehn Kunden stehen einträchtig nebeneinander an Stand und Stehtisch, löffeln andächtig ihre Suppe aus dem Plastikteller. Echte Genießer sind das, die nicht viel reden. Auch nicht bei der Bestellung. „Gib wie immer“, reicht oft schon.

Denn Friedhelm Kleymann, in Gladbeck besser bekannt als Pommes-Friedhelm, kennt fast jeden seiner Erbsensuppen-Esser. „90 Prozent sind Stammkunden“, sagt er. Sie kommen regelmäßig, seit er 1976 zum ersten Mal die Gulaschkanone, bis zum Rand gefüllt mit der dampfenden Erbsensuppe, in die City rollte. Männer, Frauen, Junge, Alte - die einen essen direkt am Stand, die anderen nehmen ein oder zwei Plastikeimerchen voll mit. „Für zuhause. Dann muss meine nicht kochen“, erklärt einer. „Hau rein“, sagt Pommes-Friedhelm, füllt die Eimerchen bis zum Rand, kassiert. Zwei Euro ohne, 2,80 Euro mit Wurst. Nachschlag 50 Cent.

Hans Ulrich Timpe nimmt immer Nachschlag. Timpe ist absoluter Fan von Pommes-Friedhelm und von Erbsensuppe sowieso. „Gehört einfach zum Samstag.“ So wie die Fußballwette zwischen Koch und Kunde. Wenn Timpe gewinnt, kriegt er den Teller Suppe gratis. Wenn er verliert, auch. Mit den Jahren hat sich eine besondere Freundschaft entwickelt, ist Timpe sogar zum Suppen-Poet geworden:

„Die beste Erbsensuppe, die es weit und breit gibt“, schwärmt Heinrich Vogel. Er kommt aus Buer. Seit Jahren, jeden Samstag. „Ehrlich, nur für die Suppe.“ Warum Hund Honda auch mitkommt? Weil er immer das letzte Stückchen Schwarte mit Suppe vom Teller lecken darf.

Also, was ist das Geheimnis der Kleymannschen Erbsensuppe? „Es sind echte Erbsen drin“, wissen die Kunden. Abends vorher werden die in Wasser eingelegt, verrät Koch Friedhelm. Morgens um sechs kommen Kartoffeln, Brühe, Salz, Majoran und die Speckschwarte dazu . . . und dann köchelt alles vier Stunden lang im doppelwandigen Gulaschkanonen-Topf. Der Pott ist für den Geschmack mindestens so wichtig wie das Salz in der Suppe. Wissen auch die Kenner: „So eine Suppe schmeckt nur aus einem großen Topf“, sagt Klaus Dyba. Zuhause, da kriegt man das nicht hin.

„Das schmeckt hier wie früher, als meine Mutter für uns fünf Kinder gekocht hat.“ Diese Kindheitserinnerung holt sich Werner Wehling jede Woche. Mit nach Hause nehmen muss er nichts, die Frau mag keine Erbsensuppe. „Und wenn sie die mir zuliebe kocht, tut sie das mit langen Zähnen.“ Deshalb isst er ihr zuliebe seine Suppe am Stand und gönnt ihr den kochfreien Samstag.

„Haben Sie auch ein Messer?“ Annegret Jöckeritz guckt etwas hilflos. „Messer?“ Die Stammkunden sind verdutzt. „Na, für die Wurst“, erklärt die Filialleiterin der neuen Bäckerei im City-Center, und lernt: Hier, bei Pommes-Friedhelm, wird die Brühwurst mit der Gabel aufgespießt und dann beißt man einfach rein. „Ich komme aus Recklinghausen“, erklärt sie ihre Unkenntnis. „Woher denn da?“ ruft Heinrich Vogel neugierig quer über den Stand. Und dann hören alle zu, wie Neukundin und Stammkunde feststellen, dass sie nur zwei Straßen voneinander aufgewachsen sind . . . Am Ende sind die Teller leer und Annegret Jöckeritz ist gnädig aufgenommen in die Erbsensuppengemeinschaft an der Schillerstraße.