Pfarrer: Kirche muss an der Seite der Armen stehen

Dr. Hans-Udo Schneider, ehemaliger Industrie- und Sozialpfarrer im Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dorsten.
Dr. Hans-Udo Schneider, ehemaliger Industrie- und Sozialpfarrer im Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dorsten.
Foto: WAZ FotoPool
Der ehemalige Sozialpfarrer im Kirchenkreis, Dr. Schneider, äußert sich zur Flüchtlingsproblematik und fordert eine deutlichere Positionierung der Kirche.

Gladbeck.  „Flüchtlingen zu helfen - das ist für Christenmenschen das erste Gebot“, sagt Dr. Hans-Udo Schneider, ehemaliger Industrie- und Sozialpfarrer im Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dorsten. Doch die tatkräftige Hilfe vor Ort allein löst nicht das Gesamtproblem, weiß der Kirchenmann. Besonders große Sorge bereitet ihm, dass die akute Flüchtlingsproblematik auf eine soziale Schieflage in der Gesellschaft trifft.

Die Kirchen, sowohl die evangelische auch die katholische hier in Gladbeck sind sehr aktiv in der Flüchtlingshilfe. Reicht das nicht?

Dr. Hans-Udo Schneider: Es gibt eine imponierende Welle der Hilfsbereitschaft, bemerkenswerte Initiativen und großes Engagement für Flüchtlinge. Es ist erstaunlich, wie viel von vergleichsweise wenigen Aktiven geleistet wird. Die Herausforderungen sind ja immens. Die Städte sind in der Notlage, müssen Platz schaffen. Es müssten mehr Wohnungen oder Räume bereit gestellt werden, auch für kleinere Gruppen. Wir brauchen auch ein Patensystem für Flüchtlinge, die aufgrund ihrer traumatischen Kriegserlebnisse besonders geschädigt sind.

Das heißt, die Kirche muss noch viel mehr Menschen aktivieren?

Das Problem ist, dass die Kirche selbst nicht mehr die Bindekraft zu den Menschen hat. Das zeigt sich an den Austrittszahlen. Hinzu kommt, dass die Individualisierung in der Gesellschaft in allen Lebenslagen feststellbar ist, was Auswirkungen auf die Solidarität hat. Die Kirche ist auch immer ein Spiegel der Gesellschaft. Ich sehe da einen politischen Zusammenhang: Das ist eine Folge der radikalen Marktwirtschaft, die leider gesiegt hat. In Deutschland gibt es 13 Millionen Menschen, die an der Armutsgrenze leben. Das ist jeder Sechste in diesem Land. Das kann zum Kampf der Armen gegen Flüchtlinge führen. Die sich immer weiter öffnende Schere der Ungleichheit ist die größte Gefährdung für den inneren und äußeren Frieden. Die erste Suppenküche gab es 1991 in Berlin, jetzt gibt es sie überall im Land. Wir bleiben auf der Symptomebene hängen. Und auch die Wohlfahrtsverbände haben sich in der Situation eingerichtet, sie haben sich zu Wirtschaftsunternehmen entwickelt.

Menschen, die selbst wenig haben, haben Angst, dass die Flüchtlinge ihnen etwas wegnehmen. Was sagen Sie denen?

Beispielsweise, wenn es um die Frage von Wohnungen geht: Dass die Ursachen eines Mangels an preiswerten Wohnungen in einer verfehlten Wohnungsbaupolitik liegen. Viele Kommunen haben den Bau von Sozialwohnungen aufgegeben, es gibt nur noch ein paar große Wohnungsbaugesellschaften, die den Markt unter sich aufteilen.

Aber diese Erklärung nimmt dem Einzelnen nicht die Sorge, benachteiligt zu werden.

Stimmt, aber glaubwürdig wird Flüchtlingspolitik nur, wenn die Kirche an der Seite der Ausgegrenzten steht. Diesen Bezug haben wir verloren. Evangelische Kirche muss die Frage stellen: Wo haben wir als Kirche uns für die Rechte der Armen eingesetzt? Und wir müssen an die Ursachen ran, das Flüchtlingsproblem fällt nicht vom Himmel. Es dürfte keine Waffenlieferungen in die Krisengebiete geben, wir dürfen Asien und Afrika nicht als Müllhalde missbrauchen. Dazu hat die EU Länder wie Italien und Griechenland allein gelassen. Das war nicht solidarisch.

Nochmals zur konkreten Frage für das Handeln vor Ort. Was kann, was sollte die Kirche tun?

Die christliche Botschaft – Flüchtlingen zu helfen ist eine Christenpflicht – ist das eine, aber Reden allein und Appelle reichen nicht. Die Frage stellt sich doch: Wie viel Ungleichheit verträgt ein Land? Wir haben auf der einen Seite Armut, auf der anderen Seite unglaublich perversen Reichtum. Die Kirche müsste deutlich sagen, dass starke Schultern mehr tragen müssen als schwache. Es muss andere Steuergesetze geben, Vermögens- und Erbschaftssteuer müssen auf den Prüfstand. Es ist doch nicht zu wenig Geld vorhanden, es ist eine Frage der Verteilung.

Krieg und Terror lassen sich nicht mit Krieg bekämpfen

Dr. Hans-Udo Schneider bezieht im Gespräch mit der WAZ auch deutliche Position zu den aktuellen Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Kriegseinsatz der deutschen Bundeswehr in Syrien. Die Botschaft des Evangeliums lasse sich nicht mit Kriegshandlungen in Einklang bringen.

„Wie schnell wir von Entwicklungen überrollt werden, zeigt sich am Eintritt Deutschlands in den Krieg in Syrien: Es gibt kein UN – Mandat, völlig unklare Fronten, ungeheure Kosten auf der einen Seite, und auf der anderen Seite ist die Türkei einer der großen Ölaufkäufer des IS („Islamischen Staats“), unterstützt Saudi-Arabien (das von Deutschland modernstes Kriegsgerät erhält) den IS mit großen Geldmengen.“

Vor diesem Hintergrund, so der Ex-Industrie- und Sozialpfarrer weiter, sei die Entscheidung von Regierung und Bundestag für den Einsatz unverantwortlich. Auch hier, so seine Wahrnehmung, fehle die klare Positionierung der Kirchen.

Botschaft des Evangeliums

„Krieg und Terror lassen sich nicht mit neuem Krieg und neuem Terror bekämpfen, das ist die Botschaft des Evangeliums“, sagt Schneider. Gerade in der jetzigen Zeit – „wir gehen auf Weihnachten zu, feiern die Geburt Jesu“ – würden nicht weit von uns entfernt Menschen im Bombenhagel sterben, müssten im Elend leben oder befänden sich auf der Flucht. „Süßer die Glocken nie klingen…“, das sei in diesem Zusammenhang nicht erträglich.

 
 

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