Lesen gegen den Ungeist von einst

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Zahlreiche Gladbecker lasen am 78. Jahrestag der Bücherverbrennungen aus Werken von Autoren, die die Nationalsozialisten verbrannten.

Gladbeck.. „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Heinrich Heine hat das 1823 geschrieben, nachdem auf der Wartburg Bücher verbrannt worden waren. Er hat nicht mehr erlebt, dass seine Befürchtungen unter den Nazis zur grauenhaften Realität geworden sind. Aber auch er gehörte zu den deutschen Schriftstellern, die ab 1933 als „undeutsch“ auf den Index gesetzt und deren Werke auf Scheiterhaufen verbrannt wurden. So wie Bücher von Kurt Tucholsky, Franz Werfel, Erich Mühsam, Josef Roth, Erich Kästner und vieler anderer. Mit den öffentlich inszenierten Bücherverbrennungen starteten die Nazis ihren Propagandafeldzug gegen alles, was in ihrer menschenverachtenden Ideologie dem „deutschen Geist widersprach“.

Gegen diesen „Ungeist“ setzten am Jahrestag, dem 10. Mai, zahlreiche Gladbecker im Lesecafe´ der Bücherei ein deutliches Zeichen und lasen aus den Werken der einst geächteten Schriftsteller vor.

Viele Literaten von damals kamen an dem Abend durch die Vorleser erneut und öffentlich zu Wort. Die von Bürgermeister Ulrich Roland zu Beginn rhetorisch gestellte Frage „Ob die Werke uns nach 78 Jahren noch etwas sagen?“, beantwortete er selbst mit Heinrich Heines „Deutschland – ein Wintermärchen“ - ein Klassiker, zeitlos und noch immer passend.

So wie die Gedichte von Erich Kästner, die Schüler und Schülerinnen der Anne-Frank-Realschule und der Ingeborg-Drewitz-Gesamtschule ausgewählt hatten, oder B. Travens Abenteuerroman „Das Totenschiff“, aus dem Nicola Hälker vom Gladbecker Jugendrat las.

Auch Johannes Bossmeyer, Jahrgang 1927, war ein Vorleser an diesem Abend. Er hatte einen besonderen Grund: „Für mich ist das eine Art geistiger Wiedergutmachung“, bekannte er. Denn aufgewachsen im Nationalsozialismus und 1943 Schüler im „Internat beim Adolf“ sei ihm vieles erst später, beim Blick zurück, bewusst geworden. Bossmeyer las aus Josef Roths „Hiob“, in dem er den Leidensweg eines jüdisch-orthodoxen Dorfschullehrers beschreibt.

Auch andere Vorleser hatten ihre Texte mit Bedacht gewählt, fügten Erklärungen hinzu. Ulrike Turek versteht Werfels „Die 40 Tage des Musa Dagh“ als „Aufruf zur Menschlichkeit“, für Marlis Trost vom Seniorenbeirat sind die Texte Tucholskys über den Börsencrash von 1929 „bedrückend aktuell“.

Auch Ali Sirin vom Alevitischen Kulturverein hatte Tucholsky gewählt, ihm war wichtig, dass sich damit „die Zerrissenheit der in Exil gegangenen Literaten widerspiegelt, die die Machtergreifung nicht verhindern konnten.“ Tucholsky nahm sich 1935 das Leben. Stefan Zweig, aus dessen „Brief an einen Unbekannten“ Dr. Ilse Tobias las, beging im Jahr 1942 Selbstmord.

So mancher Vorleser outete mit der Wahl seines Textes seine ganz persönlichen literarischen Vorlieben. Propst Andre Müller erklärte „Ich liebe Kafka“ und las, ausgerechnet, mit einem Augenzwinkern aus „In unserer Synagoge“.

 
 

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