Krisenprofi: Stadt muss klarere Grenzen ziehen

Frank Roselieb Direktor und Sprecher des Instituts für Krisenforschung, ein Spin-Off der Christain-Albrechts-Universität Kiel
Frank Roselieb Direktor und Sprecher des Instituts für Krisenforschung, ein Spin-Off der Christain-Albrechts-Universität Kiel
Foto: IfK

Gladbeck..  Wie sieht ein Profi die anhaltende Diskussion um das Krisenmanagement des Bürgermeisters in Sachen Fehlverhalten des ehemaligen Stadtsprechers Peter Breßer-Barnebeck? Frank Roselieb, geschäftsführender Direktor des ausgegliederten Instituts für Krisenforschung der Christian-Albrechts-Universität Kiel, beantwortete die Fragen der WAZ-Redaktion.

Darf der Pressesprecher des Bürgermeisters privat zu politischen Themen im Internet mitdiskutieren?

Generell gilt in unserem Land das Recht auf freie Meinungsäußerung. Betrifft diese berufliche oder dienstliche Belange, ist es von Vorteil, wenn Unternehmen oder Behörden vorab festlegen, wo die Grenze zwischen dem Privaten und dem Beruflichen zu ziehen ist.

Und was gilt für einen Referatsleiter im Bereich Marketing und Öffentlichkeitsarbeit?

Die Frage ist, inwieweit die Meinungsäußerungen sich auch mit seinen dienstlichen Aufgaben überschneiden. Wird zu Themen Stellung bezogen, über die auch mit ähnlicher Kernaussage oder Linie in offizieller Funktion kommuniziert wird? Problematisch ist es zudem, ein rein privates Handeln vorzugeben, wenn die Äußerungen während der Dienstzeit oder vom Arbeitsplatz aus erfolgten.

Wird es so auch für einen Vorgesetzten schwieriger, im Krisenfall sagen zu können, von alledem nichts gewusst zu haben?

Dazu möchte ich auf den Fall des Pressesprechers von Ministerpräsident Seehofer verweisen, der beim ZDF anrief, um missliebige Berichterstattung zu unterbinden. Im Schadensfall ist der Pressesprecher immer der böse Bube und sein Vorgesetzter wird offiziell sagen, einen Auftrag dazu habe es nie gegeben.

Macht es einen Unterschied, ob ein Pressechef unter Klarnamen oder mit Pseudonym im Internet kommentiert?

Jeder kann im Kollektiv seine Meinung ausdrücken, das gilt ja auch bei Demonstrationen. Aus der Masse heraus soll der Einzelne aber erkennbar bleiben, daher gilt ja auch ein Vermummungsverbot, um bei strafbarem Fehlverhalten gegebenenfalls strafrechtliche Schritte einleiten zu können. Man mag sich wundern, wenn ein Kommunikationsprofi in verantwortlicher Stellung bei brisanten Themen nicht mit offenem Visier Stellung bezieht.

Ist öffentliche Empörung verständlich, wenn trotz ersichtlichem Fehlverhalten statt deutlicher Reaktion des Dienstherren lediglich eine Umbesetzung des Mitarbeiters mit weiterer Leitungsfunktion erfolgt?

Aus Sicht der Öffentlichkeit ja. Intern ist dies bei Krisen aber ein durchaus übliches Vorgehen, wie auch beim Pressesprecher von Seehofer. Nämlich, zunächst den Mitarbeiter aus dem Schussfeld zu ziehen, um die Sachlage zu beruhigen – und diesen dann auf einen in der Hierarchie ähnlichen Posten zu versetzen. Man nennt diese Handlungsweise im Management „goldenen Handschlag“. Der in alter Position nicht mehr tragbare Mitarbeiter kann so sein Gesicht wahren – und verzichtet im Gegenzug auf arbeitsrechtliche Schritte.


Zur Person:

Frank Roselieb ist geschäftsführender Direktor und Sprecher des Krisennavigator - Institut für Krisenforschung, ein „Spin-Off“ der Christian-Albrechts-Universität Kiel.

In mehr als 450 Vorträgen, Veröffentlichungen, Forschungs- und Beratungsprojekten hat er sich u.a. mit Krisenkommunikation im Internet und Issues Management für öffentliche Einrichtungen beschäftigt.

Roselieb ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. (DGfKM), dem Berufsverband der Krisenmanager, Krisenberater und Krisenforscher in den vier deutschsprachigen Ländern Europas.

Als Leiter der angegliederten Krisennavigator Unternehmensberatung hat Frank Roselieb seit 1998 mehr als zweitausend Spitzen- und Führungskräfte in Krisenübungen und Medientrainings, Fortbildungsveranstaltungen und Workshops geschult sowie über dreihundert Unternehmen, öffentliche Einrichtungen, Kommunen und Verbände bei der Krisenprävention und Krisenbewältigung beraten.

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