„Keinen Kuschelkurs fahren“

Jugenstrafrichter Friedrich Korf in seinem Büro im Amtsgericht.. Foto: Mathias Schumacher / WAZ FotoPool
Jugenstrafrichter Friedrich Korf in seinem Büro im Amtsgericht.. Foto: Mathias Schumacher / WAZ FotoPool
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Gladbeck. Die öffentliche Debatte um „Jugend und Gewalt“ ist neu entbrannt und nach dem Vorfall am Rande des Stadtfestes gibt es auch in Gladbeck Anlass, über jugendliche Straftaten zu reden. Im Gespräch mit WAZ-Mitarbeiter Steffen Bender spricht Jugendstrafrichter Friedrich Korf über eine neue Brutalität, die Philosophie der Justiz und die Entwicklung der Gesellschaft.

Stellen Sie eine erhöhte Bereitschaft zur Gewalt unter Jugendlichen fest?
Korf: Nein, auch wenn ich das natürlich nur für den engen Bereich hier in Gladbeck beurteilen kann. Was man aber sehr wohl feststellen kann ist, dass die Hemmschwelle, über bestimmte Grenzen hinauszugehen, bei Jugendlichen gesunken ist. Wenn heute jemand auf dem Boden liegt, wird noch einmal draufgetreten. Das gab es früher so nicht.


Wie erklären Sie sich das?

Da gibt es ein ganzes Paket an Gründen, die in Frage kämen. Ich behaupte mal, dass in über 50 Prozent der Fälle nicht die Jugendlichen, sondern die Eltern auf die Anklagebank gehören. Es gibt ein Versagen in den Elternhäusern. Eltern haben heute keine Zeit mehr für ihre Kinder. Diese suchen dann ihre Aufmerksamkeit woanders. Grenzen werden ausgetestet und Jugendliche spielen sich durch Straftaten in den Vordergrund. So etwas geschieht natürlich nie allein. Faktoren wie Gruppendynamik spielen ebenfalls eine Rolle. Wir stellen auch fest, dass in den Schulen bewusst weggeguckt wird von denen, die dazu da sind hinzugucken. Auch wenn man hier nicht verallgemeinern darf: So etwas stellen wir fest. Und wo Eltern, Schule und Pädagogik versagen, wird nach dem Strafrecht verlangt. Das ist großer Quatsch.


Ist die Justiz gegenüber jungen Straftätern zu milde?

Nein. Härtere Strafen würden die Kriminalität nicht verringern. Kein Täter denkt bei der Tat an seine Strafe. Der Abschreckungsgedanke ist überwunden. Die Konsequenz des Strafrechts sollte aber gegeben sein. Es gibt natürlich Fälle, wo man sagen muss: bis hierhin und nicht weiter. Es kommt auch auf die kriminelle Energie an, die dahinter steckt. Ich persönlich bin ein großer Verfechter des Arrests, weil es hilft, Jugendliche aus ihre Umgebung rauszuholen, aus der Mühle des Alltags in eine Zelle zu stecken. Vor Ort wird gute Arbeit geleistet. Es gilt der Grundsatz Erziehung geht vor Strafe. Aber wir dürfen keinen Kuschelkurs fahren ,müssen Stop-Zeichen setzen.


Nach dem Vorfall beim Stadtfest ist bei vielen Bürgern auf Unverständnis gestoßen, dass der Täter nach seinem Geständnis wieder auf freien Fuß gekommen ist.
Wir müssen uns an die Gesetze halten. Volkes Stimme verlangt etwas anderes, aber eine Untersuchungshaft ist nur durch drei Gründe legitimierbar. Wenn Flucht-, Wiederholungs- oder Verdunkelungsgefahr besteht. Das war nicht der Fall, besondere Haftgründe treffen also nicht zu. Man muss bedenken: Schwere Folge bedeutet nicht immer schwere Schuld. Es war eine Straftat, keine Frage. Die Umstände müssen aber erst aufgeklärt werden. Ob der Täter seines Lebens wieder froh wird, steht auf einem anderen Blatt.
Ist eigentlich ein bestimmter Tätertyp zu erkennen?

Nein. Zu uns kommen Jugendliche aus allen gesellschaftlichen Kreisen und allen Schulformen. Jugendliche aus sozial niedrigeren Schichten sind jedoch überproportional vertreten.


Sind Migranten häufiger in Strafdelikte verwickelt?
Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an Straftaten ist unverhältnismäßig hoch. Das kann man auch nicht wegreden. Über 40 Prozent der Anklagen hier in Gladbeck richtet sich an Deutsche mit Migrationshintergrund. Diese Zahlen sind aber mit aller Vorsicht zu genießen: Hier wird wahrscheinlich auch, wie bei Jugendlichen aus niedrigen Schichten, anders ermittelt.
Welche Rolle spielt der Alkohol bei jugendlichen Straftaten?
Alkohol und Drogen spielen eine sehr große Rolle. Drogen meistens in Form von Haschisch und Marihuana. Die meisten Taten würden nicht begangen werden, wenn die Jugendlichen nüchtern gewesen wären. Die Gewaltbereitschaft unter Alkoholeinfluss nimmt zu.

Anti-Gewaltkurse zeigen Erfolg

Sie haben tagtäglich mit jungen Menschen zu tun, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Wie schaut man da in die Zukunft?
Korf: Ich mache mir nicht die geringsten Sorgen um die deutsche Zukunft. Wir reden hier von einem kleinen Prozentsatz der gesamten Jugendlichen. Die absolute Masse ist in Ordnung und auch von dieser Masse kommen Jugendliche einmal zu uns und schließlich nie wieder. Wir reden hier von 400 bis 500 Fällen pro Jahr.


Wie wird versucht die Jugend wieder auf den richtigen Weg zu bringen?

Anti-Gewalt Kurse haben einen großen Erfolg. Hier wird erlernt, wie man mit bestimmten Situationen umgeht. Beispielsweise fühlen sich Jugendliche dadurch provoziert, dass man sie anschaut („was guckst du?“ Dabei ist das oft gar nicht so gemeint.

Die Erfolgsquote ist hier und auch bei sozialen Trainingskursen sehr hoch. Es wird das getan, was zu Hause nicht gemacht wird: Geredet. Und das nicht nur mit Fachleuten, sondern auch mit Seinesgleichen. Das macht auch mehr Sinn als Arbeitsstunden. Davon halte ich gar nichts. Was soll es denn bringen wenn der Täter einen Zaun streicht? Es gab hier mal ein Laufprojekt: Dort wurde gemeinsam gelaufen und geredet. Das haben einige durchgehalten und sind dann Halbmarathon gelaufen. Das geht natürlich auch einher mit der Regelmäßigkeit: Jugendliche die regelmäßig eingebunden sind, kommen weniger hierhin

 
 

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