Im Zweifel hilft der Gutachter

Matthias Düngelhoff

Gladbeck. Steht Aussage gegen Aussage, tragen Richter eine besonders große Verantwortung. Das gilt auch beim Gladbecker Amtsgericht. Deshalb müssen vor dem Schöffengericht immer wieder Gutachten bei der Urteilsfindung helfen.

Der Freispruch für Jörg Kachelmann in Mannheim, beim Gladbecker Amtsgericht war das keine allzu große Überraschung mehr. Schon am Montag sei klar gewesen, in welche Richtung die Mannheimer Kollegen tendierten, verrät Amtsrichter Berthold Paus. Woran er das festmacht? „Als das Gericht erklärt hat, sie bräuchten für die Urteilsverkündung lediglich eine Stunde. Wäre Kachelmann verurteilt worden, hätte man das ausführlicher begründen müssen. Das hätte bestimmt drei Stunden gedauert“, so der Gladbecker Jurist. Allerdings glaubt er nicht, dass das Thema mit dem gestrigen Freispruch beendet ist. Seine Vermutung: „Die Staatsanwaltschaft wird nicht aufgeben und Rechtsmittel einlegen.“

Die Unschuldsvermutung hat Vorrang

In Mannheim hat sich das oberste Rechtsprinzip durchgesetzt: „Im Zweifel für den Angeklagten.“ Eine Regel, die auch in den Gladbecker Gerichtssälen immer wieder Anwendung findet. Auch hier steht häufig Aussage gegen Aussage sagt die Vorsitzende des Schöffengerichts, Rita Jensen. „Die Unschuldsvermutung hat Vorrang .“ Ist eine Tat juristisch nicht nachzuweisen, ist der Freispruch die logische Konsequenz – selbst wenn vielleicht der Richtige auf der Anklagebank saß.

Bleibt die Frage, wie hier mit kniffligen Fällen, in denen es keine weiteren Zeugen gibt, verfahren wird. „Kommt es zu so einer Patt-Situation, sind wir auf weitere Beweise und Indizien angewiesen“, sagt Rita Jensen. Aber auch Gutachten spielten dann vor dem dem Schöffengericht eine wichtige Rolle. Gerade bei Sexualstraftaten werde auch das sogenannte Glaubwürdigkeitsgutachten angefertigt, so Rita Jensen. Bei etwa der Hälfte der Sexualdelikte, die vor dem Gladbecker Schöffengericht verhandelt werden spielen Gutachten – egal welcher Art – eine Rolle. Sind Kinder betroffen wird sogar jedes Mal ein Gutachten angefordert. Aber Rita Jensen sagt auch: „Die Beweiswürdigung und Urteilsfindung ist letztlich Sache des Gerichts. Diese Entscheidung kann kein Gutachter übernehmen.“ Wohl aber könnten sie Hilfestellung geben.

Die Null-Hypothese

Bei einem Glaubwürdigkeitsgutachten gehe der Gutachter zunächst von der „Null-Hypothese“ aus, so Rita Jensen. Im Klartext: Zunächst einmal geht er davon aus, die Aussage des Opfers ist falsch. Wobei es sich dabei nicht immer um eine bewusste Falschaussage handeln muss. Von dieser Null-Hypothese artastet sich der Gutachter langsam voran. Vereinfacht ausgedrückt: Je komplexer und detaillierter eine Aussage ist, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie wahr ist. Trotzdem sei das Erstellen eines solchen Gutachtens für die Opfer oftmals ein Martyrium. Denn der Gutachter bezieht sich nicht nur auf die Aussage. „Auch Fragen nach der sexuellen Vita sind in so einem Fall nicht unüblich.“ Dabei könne bei den Opfern das Gefühl aufkommen, dass Opfer- und Täterrolle vertauscht werden – was nicht nur bei Sexualstraftaten der Fall sein könnte. Denn jedes Opfer müsse sich im Klaren darüber sein, dass es als Zeuge vor Gericht vom Verteidiger hart befragt wird. „Manchmal ist es besser, sich auch als Opfer professionellen Beistand zu besorgen“ rät die Richterin.

Massenabfertigung

Nicht ganz so komplex sind dagegen die Fälle, die Berthold Paus als Einzelrichter entscheidet. „Sich acht Monate nur mit einem Fall zu beschäftigen ist unmöglich am Amtsgericht.“ 600 bis 700 Fälle bearbeitet er pro Jahr. 20 bis 30 Minuten hat er für jede Hauptverhandlung Zeit. „Das ist Massenabfertigung.“ Daher sei es gut, dass vor dem Einzelrichter rund 90 Prozent der Täter geständig seien. In den übrigen Fälle gäbe es meist Zeugen, deren Glaubwürdigkeit schnell einzuschätzen sei. „Oft sind das Polizeibeamte, die man durch die Arbeit bereits kennt und einschätzen kann.“