Geistersiedlungen - die gruseligsten Orte im Ruhrgebiet

Michael Polan beobachtet die Geistersiedlung in Gladbeck-Zweckel seit Jahren.
Michael Polan beobachtet die Geistersiedlung in Gladbeck-Zweckel seit Jahren.
Foto: Kai Kitschenberg/WAZFotoPool
Wenn das Leben auszieht: Dies ist der gruseligste Ort im Ruhrgebiet. Die Bergarbeitersiedlung Schlägel & Eisen im Gladbecker Norden, vor 100 Jahren gebaut, durchaus mit Anspruch; seit 15 Jahren, 20, war sie im freien Verfall. Jetzt sind auch die letzten beiden Bewohner ausgezogen.

Gladbeck.. Das Leben ist hier ausgezogen, manchmal schaut es noch kurz vorbei. Selten geht ein Mensch durch die ausgestorbenen Straßen, aber dann immer eilig; oder es liegt morgens mal wieder neuer Müll an den Ruinen. Irgendeine gute Seele mit Mut füttert offenbar die verwilderten Katzen, denn ihre Näpfe im Torbogen sind wohlgefüllt; und schließlich, sagen Nachbarn, sieht man nachts in der Geistersiedlung schon mal Taschenlampen scheinen.

Von denen, die auszogen, das Fürchten zu lernen

Dies ist der gruseligste Ort im Ruhrgebiet. Die Bergarbeitersiedlung Schlägel & Eisen im Gladbecker Norden, vor 100 Jahren gebaut, durchaus mit Anspruch; seit 15 Jahren, 20, war sie im freien Verfall. Denn irgendwann wurden Wohnungen nicht mehr vermietet, sondern belegt, und mit dem Status blätterten die Häuser ab. Vor wenigen Wochen nun zogen zwei alte Leute aus den letzten bewohnbaren Wohnungen. Keiner mehr da.

Jetzt geht man hindurch und denkt: Soldaten sollten hier Häuserkampf üben. Dächer sind eingestürzt, Fenster zugemauert, Birken wachsen im dritten Stock; recht ungewöhnlich ist auch der Blick aus dem Erdgeschoss durchs Dach. „Hier die Böden fehlen seit zwei, drei Jahren“, sagt der Nachbar Michael Polan und dreht sich um: „Aber der Stall da hinten hatte vor sechs Wochen noch ein Dach.“

Ach, Vorsicht: Treten Sie sich im Hof bloß keine Nägel in den Fuß! Dachlatten, Sie wissen schon...

Das Ruhrgebiet kämpft sich ab am Bevölkerungsschwund. Leerstände sind in der Regel verstreut, Stadterneuerungsprogramme legen sich heilsam über Problemviertel. Doch „Wohnungsleerstände können sich an einzelnen Stellen konzentrieren, und ab einem gewissen Punkt wird das dann ein sich selbst verstärkender Effekt“, sagt Ralf Zimmer-Hegmann vom „Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS)“ in Dortmund. Der Punkt ist erreicht, wenn Leute wegziehen, weil andere Leute auch wegziehen. Am Ende steht die: Geistersiedlung.

Es gibt nur wenige im Ruhrgebiet. Die an der Insterburger Straße in Gelsenkirchen ist gerade abgerissen, die an der Solvaystraße in Rheinberg entsteht erst: Hier wird nicht mehr vermietet, damit neue Bewohner nicht mit der nahen Chemie in Konflikt kommen. Aber was es gibt, sind diese Hochhäuser der 1960er-Jahre. Weiße Riesen zwischen Dortmund und Duisburg, gestartet als der letzte Schrei, geendet als sozialer Brennpunkt. Heute: gestapelter Leerstand. Wie der Wohnturm von Bergkamen, das schlimmste aller Häuser, ein Alptraum, 15 Etagen hoch.

Zwei Millionen Euro soll der Abriss in Bergkamen kosten

150 verrammelte Wohnungen, mitten in der Stadt. „Der stand nie unter einem guten Stern“, sagen die Leute und erzählen: Weil die Bauherren beim Richtfest so geizig waren, hätten die Arbeiter statt eines Kranzes einen Galgen aufgehängt. Das dürfte gut erfunden sein, aber wenigstens kommt der schändliche Wohnturm jetzt bald weg. Der Abriss soll zwei Millionen Euro kosten: Bergkamen-Mitte kann dann wieder Luft schnappen.

Um Problemviertel zu retten, Geistersiedlungen zu verhindern, brauche es „integriertes Vorgehen“ sagt Zimmer-Hegmann vom ILS. Von Bewohnern, Eigentümern, öffentlicher Hand. „Grünflächen und Infrastruktur schaffen, Begegnungsstätten einrichten.“ Eigentümer beraten, Förderprogramme einbeziehen, so wie es am Tossehof funktioniert hat, einer Großwohnsiedlung in Gelsenkirchen, die zuvor schwer angeschlagen war. „Zur Geistersiedlung fehlten noch zehn Jahre“, sagt einer der Sanierer. Geschafft!

Duisburg-Rheinhausen als Sonderfall

Und dann gibt es den Sonderfall von Duisburg-Rheinhausen. Neun großbürgerliche Villen für die Direktoren der damaligen Friedrich-Alfred-Hütte; wunderschön sind sie, bräuchten sich in Dresden nicht zu verstecken. Eine einzige ist zur Eventdisco geworden, der Rest steht farb- und leblos da. Aber mit Substanz, denn vor Jahren hat das Land mal die Dächer saniert.

„Wenn man reingeht, das dicke Mauerwerk und das gute Holz, die halten noch zwanzig Jahre“, sagt der Gastronom Holger Leschik, der am Rande das wundervolle alte Casino mit Mittagstisch, Geschäftsessen und Tagungsräumen betreibt. Das sollten sie aber auch, noch 20 Jahre halten, denn eine Wiederbelebung ist nicht in Sicht.

Eindeutig Wohngebäude, nur wohnen darf dort niemand

Die Villen liegen nämlich mitten im Gewerbegebiet Logport, umtost von Schwerverkehr, umbaut von Containerhöfen. „Das Problem ist: Das sind von Erscheinungsbild, Historie und Struktur her Wohngebäude, aber wohnen darf dort niemand“, sagt Cornel Volk von „NRW urban“ – die Landesgesellschaft bietet einige der Villen gerade wieder an. Doch Lärmschutz, Emissionsschutz, Schallschutz und Denkmalschutz verknoten sich hier derart, dass sie die Siedlung am Ende totschützen. Einen Vorteil wenigstens hat die lärmende und leuchtende Nachbarschaft der Speditionen: Geisterjäger und Gruselfreunde kommen seltener zur Villenstraße, seit sie nachts nicht mehr richtig dunkel wird.

Für Teile von Schlägel & Eisen hingegen gibt es vielleicht doch noch Aussicht. Die Immobilienfirma Kwates aus Marl hat sie gekauft, „obwohl ich so etwas wie diese Siedlung noch nie gesehen habe“, so Geschäftsführerin Irena Kwapik. Einige der Häuser seien Ruinen, die meisten aber „noch zu gebrauchen“. Frau Kwapik, ist das nicht sehr, sehr mutig, so etwas zu kaufen? „Es ist“, sagt sie und macht eine kurze Pause, „alles mutig“.

 
 

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