Furry aus Gladbeck erobert als Katze Milkyway die Herzen

Milkyway ist ein Kuscheltier. Monika und Hanne wollen mal streicheln, Freund Sam (links) passt auf.
Milkyway ist ein Kuscheltier. Monika und Hanne wollen mal streicheln, Freund Sam (links) passt auf.
Foto: WAZ FotoPool
Seit 16 Jahren verwandelt sich Miguel regelmäßig in die schwarz-weiß-grüne Katze namens Milkyway. In seinem Kostüm, einem sogenannten Fursuit (Fellanzug), läuft der schüchterne Gladbecker als "Furry" zu Hochform auf. Kinder wie Erwachsene lieben die Riesenkatze – ungeknuddelt kommt niemand davon.

Gladbeck.. Hanne und Monika sind nicht mehr zu halten. Diese Katze muss einfach geknuddelt werden. Der kleine Louis staunt über das riesige Tier – an die zwei Meter von Ohr bis Tatze. Milkyway neigt seinen Kopf, macht sich klein für den Zweieinhalbjährigen. Ganz klar: Dieses seltsame Tier mag Menschen. Und die Menschen mögen den schwarz-weißen Kater mit den grünen Augenbrauen.

„Machen die hier Werbung?“, fragt eine Marktbesucherin neugierig. Nein. Machen „die“ nicht. Milkyway und sein Begleiter Sam sind in eigener Sache unterwegs. Ihre Mission: „Ein bisschen Freude verbreiten im grauen Alltag.“

Wurzeln in den USA

Der Mann im plüschigen Katzenkostüm heißt im normalen Leben Miguel. Er ist 34 Jahre alt, geht einer geregelten Arbeit nach – und pflegt ein außergewöhnliches Hobby. Er ist ein Furry (sprich: Förri). Fur ist der englische Ausdruck für Fell oder Pelz. Furrys schlüpfen gern in Tierkostüme, sogenannte Fursuits. Ihre Wurzeln hat diese Subkultur erstaunlicherweise nicht in Japan, sondern in den USA. Mit ihren Anzügen legen Furrys auch tierische Verhaltensmuster an – aber nur die netten.

Das freundliche Miteinander ist der Kerngedanke der Furry-Bewegung. Friede, Freude, Fellkostüm. „Ja, es ist so eine Art Rollenspiel“, sagt Miguel, der es genießt, dass Kinder genau wie Erwachsene so offen auf ihn zugehen, wenn er das Kostum trägt.

Privat zurückhaltend

Privat, erzählt er, sei er eher zurückhaltend. Als Kater geht er in die Offensive. „Der Suit gibt mir die Kraft, Dinge zu tun, die ich sonst nicht machen würde“, sagt er. So sei es ihm als Milkyway sogar möglich, auf den Bottroper Tetraeder zu steigen, trotz Höhenangst. Für manchen wird das Kostüm zur zweiten Haut, zum Alter-Ego. „Es ist schon eine psychologische Hilfe, so sein zu können, wie man sein möchte“, versucht Miguel eine Erklärung. Bei aller Leidenschaft bleibt sein Fursuit jedoch eine Verkleidung.

Milkyway ist ein Knuddeltier. Wer sich traut, bekommt eine flauschige Umarmung. „Es gibt immer mal wieder Begebenheiten, die mir ans Herz gehen“, erzählt der Gladbecker, „es gibt nichts schöneres als ein Kinderlachen.“

Nicht alle Menschen freuen sich über die Begegnung mit Milkyway

Weil nicht alle Menschen freundlich sind und manche es witzig finden, am Kostüm zu zerren oder gar den Kopf abzureißen, geht Milkyway nie allein auf Tour. Ein Begleiter ist immer dabei, um im Notfall einzugreifen.

Seit 16 Jahren schlüpft Miguel regelmäßig ins künstliche Katzenfell. Der jetzige Milkyway ist die dritte Version der Ursprungsform, ein Ganzkörperanzug mit aufwändig gearbeitetem Kopf. Damit der Mann im Inneren nicht erstickt, ist der Kopf elektrisch belüftet. Schweißtreibend ist das Katzenleben trotzdem. Viele Liter Wasser muss der Fursuiter bei Auftritten trinken – schleppen muss die sein Begleiter, meist in Person von Freund Sam. „Da kann schon mal ein Sixpack draufgehen“, sagt Miguel lächelnd – und meint die großen 1,5 Liter-Flaschen.

Die Figur Milkyway hat er selbst entwickelt, Vorbild waren die Comicfiguren seiner Kindheit. Katzen mag er ohnehin, seine Wohnung teilt er mit zwei Stubentigern. Auch Freund Sam schlüpft dann und wann in einen Fellanzug. „Der größte Teil meines Freundeskreises ist Teil der Fan-Szene“, sagt Miguel. „So, wie andere Karneval feiern, feiern wir ein freundliches Miteinander.“

Furrys treffen sich am Gladbecker Stammtisch

Wenn sich Miguel in Milkyway verwandelt, dann nimmt er auch tierische Wesenszüge an. Ganz Katze, ist Milkyway kein Wort zu entlocken. Er macht mit Gesten klar, was er möchte. „Tiere sprechen ja auch nicht.“ Wenn zwei oder mehr Furrys aufeinander treffen, verständigen sie sich per Körpersprache.

In der Rolle zu bleiben ist eine wichtige Regel für die Fursuiter. Deshalb möchte Miguel seinen Nachnamen nicht nennen und sich auch nicht ohne Kostüm fotografieren lassen. Das Spiel mit der Identität genießt er. Milkyway hat eine eigene Facebook-Seite (Milky Way Fursuiter), eine eigene Visitenkarte, eigene Freunde. „Wenn jemand von selbst herausfindet, wer ich bin, dann freue ich mich“, sagt der Mensch in der Katze. Wenn nicht, ist das auch ok.

Weltweit vernetzte Subkultur

Die Furrys bilden eine eigene Subkultur, sind weltweit vernetzt. Bei größeren Treffen, Conventions genannt, kommen hunderte verkleideter Anhänger zusammen – „jedes Kostüm ist einmalig“. Dort gibt es abgeschirmte Räume, in denen sich die Darsteller auch mal ihrer Tierköpfe entledigen können, sei es, um zu verschnaufen, oder aber auch, um sich in Ruhe nach Menschenart zu unterhalten.

In Gladbeck sei die Szene noch im Aufbau, sagt Miguel. Immerhin: Sieben Mitglieder zählt der Furry-Stammtisch. Jeden ersten Samstag im Monat treffen sich Fellträger und Freunde ab 18 Uhr im XXL-Food-King an der Möllerstraße 53. „Unser Ziel ist die Gemeinschaft,“ sagt Miguel – Gäste sind willkommen.

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