Fasten, beten, Bedürftigen helfen

Von Elke Hautmann
Im Ramadan beten Muslime fünf Mal am Tag.                                                                                                     Foto: Jo Gernoth
Im Ramadan beten Muslime fünf Mal am Tag. Foto: Jo Gernoth
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Gladbeck.  Muharrem Sakin lässt es sich schmecken. Ohne schlechtes Gewissen, mitten im Fastenmonat Ramadan. Eigentlich ist Muslimen zurzeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang Essen und Trinken verboten. Bis zum 18. August dauert die Fastenzeit noch. Muharrem ist gläubiger Muslim, aber er hält sich nicht daran, weil er als Abteilungsleiter auf der Zeche Prosper-Haniel schwer arbeitet. Nur an den arbeitsfreien Wochenenden fastet er.

Es gibt auch andere Gründe, nicht oder später aufs Essen und Trinken zu verzichten: eine schwere Krankheit zum Beispiel, Schwangerschaft oder Stillzeit. Auf Sati Sakin, Muharrems Ehefrau, trifft nichts davon zu. Deshalb befolgt sie alles, was mit Ramadan zu tun hat – aus tiefer Überzeugung und gern.

Frühstück um 3.30 Uhr

Um 3.30 Uhr steht die 35-Jährige kurz auf, um vor Sonnenaufgang eine Kleinigkeit zu essen und um zu trinken. Danach gibt’s nichts mehr bis zum Fastenbrechen nach Sonnenuntergang, zurzeit gegen 21.30 Uhr. Dann erst dürfen sich Muslime auch die erste Zigarette des Tages anstecken.

Weder ihr noch ihrer Freundin Hacer Yanaz (48) fällt das Fasten sonderlich schwer. Sie wissen, warum sie das tun: Im Ramadan werden Körper, Geist und Seele gereinigt – davon sind die Frauen überzeugt. Deshalb halten sie sich auch streng an die vorgeschriebenen fünf Gebete am Tag. „Das ist, je nachdem, wo man gerade ist, schwieriger als das Fasten“, findet Hacer Yanaz.

Und noch einen Termin verpassen sie nie: Jeden Mittag nehmen die Frauen an der Koranlesung in ihrer Moschee an der Steinstraße teil. Tag für Tag liest der Imam 20 Seiten vor – am Ende des Fastenmonats hat er den gesamten Koran gelesen, in der ursprünglichen Fassung übrigens, auf Arabisch. Die beiden türkischstämmigen Frauen verstehen längst nicht alles, aber: „Der Geist nimmt die Worte trotzdem auf.“ Außerdem kennen sie das heilige Buch der Muslime in ihrer Muttersprache.

In gläubigen Familien ist die Fastenzeit der Eltern für den Nachwuchs eine Selbstverständlichkeit. Die drei inzwischen erwachsenen Kinder von Ahmet und Hacer Yanaz verleben den Ramadan genau so wie die Eltern. Sati Sakins elfjähriger Sohn macht gerade seine ersten Fastenversuche – mit mäßigem Erfolg bisher. Einen Tag hat er durchgehalten, am zweiten abgebrochen. Aber er muss auch noch nicht. Bis zur Pubertät hat er noch ein bisschen Zeit.

Fasten, beten, den Koran lesen – zum Ramadan gehört noch mehr. Sati Sakin: „Muslime verzichten auch, um in dieser Zeit an die Armen und Bedürftigen zu denken. Deshalb spendet jeder während des Ramadan-Monats Geld für hungernde und notleidende Menschen in der Dritten Welt.“ Und auch die Gemeinschaft wird in diesem Monat ganz besonders groß geschrieben. Das Fastenbrechen nach Sonnenuntergang begehen die wenigsten Muslime allein zu Hause. Sie treffen sich entweder in der Moschee, wo ein eigens für diesen Monat engagierter Koch für die Verpflegung sorgt, oder sie laden Ver­wandte, Freunde, Nachbarn ein. Die gegenseitigen Besuche erleben schließlich am Ende des Fastenmonats, beim Ramadan- oder Zuckerfest, ihren Höhepunkt. Ähnlich wie bei Christen zu Weihnachten, erwarten die Älteren den Besu­ch der Kinder und Enkel, kochen dafür besonders aufwändig. Die Kinder bekommen Geschenke.

Bis dahin aber liegen vor den gläubigen Muslimen noch fast drei Fastenwochen mit vielen Stunden zwischen Sonnenaufgang und -untergang. Und auch wenn Sati Sakin und Hacer Yanaz das Fasten nicht als Strapaze empfinden – einfacher ist es doch, wenn der Ramadan in die Wintermonate fällt.