Es war nicht immer alles Gold in hundert Jahren Bergbau

Den Haupteingang der Zeche Möller im Jahr 1904 zeigt dieses Foto.
Den Haupteingang der Zeche Möller im Jahr 1904 zeigt dieses Foto.
Foto: Stadtarchiv
Jenseits aller Zechenromantik produzierten die Pütts auch Leid und Belastung. In den Gladbecker Gruben hatten die Kumpel mit Problemen zu kämpfen.

Gladbeck..  Als der Bergbau nach Gladbeck kam, gab es Böllerschüsse und die Glocken der kleinen Dorfkirche läuteten. Die Leute tranken freudetaumelnd Sekt und Bier, die Erwartungen waren groß. Aber der Bergbau, das ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand, brachte den Menschen in Gladbeck auch viele Tränen, Leid, sogar den Tod. Es war nicht immer golden, was in der Grube und rund um den Schacht geschah...

1 Probleme beim Abteufen. Die Bergbaupioniere der Gründerzeit zahlten viel Lehrgeld beim Abteufen der Zechen, in Gladbeck vor allem bei der ersten örtlichen Zeche, Graf Moltke 1/2. Immer wieder mussten die Gewerke Geld hinzuschießen. Manch einen trieb das in den wirtschaftlichen Ruin. Johann Sellerbeck, einer der ersten Grubenvorstände, brachte sich 1882 sogar um als er pleite war und keinen Ausweg mehr sah. Immer wieder hatten die Gründer mit Problemen zu kämpfen: Mal setzte ihnen Grubenwasser zu, mal brach der Schacht zusammen oder soff ab.

2 Grubenunglücke. Arbeitsunfälle oder gar Grubenunglücke trafen vor allem die einfachen Kumpel. Das schwerste Grubenunglücke ereignete sich am 15. Juni 1949 auf Moltke 1/2, bei dem sechs Todesopfer zu beklagen waren – Kumpel im Alter zwischen 28 und 32 Jahren. In einem Streb des Flözes Gretchen war es zu einem Bruch gekommen, und die Männer waren verschüttet worden. Schon am 16. März 1903 hatte es auf Molte 3/4 beim Abteufen von Schacht 4 ein Unglück gegeben. Acht tote Kumpel gab es zu beklagen. Auf Zeche Möller kam es im jahr 1957 beim Rückbau von Übertageanlagen zu einem Unglück, bei dem zwei Männer starben. Es gab einen Fehler beim Umlegen des 117 m hohen Kamins „Langer Emil“.

3 Bergarbeiterstreik. Immer wieder mussten die Kumpel streiken – für mehr Lohn, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Sicherheit unter Tage. 1883 und 1884 gab es Ausstände, bei denen man sich einigte. Folgenschwer war der Streik, der am 7. Mai 1889 begann: Rund 1000 Kumpel prostestierten für bessere Arbeitsbedingungen, die Grubenleitung sprach von Zechenbesetzung, die Behörden forderten das Militär an, um „Ruhe und Ordnung wiederherzustellen“. Und das feuerte ohne Zögern in die streikende Menge – drei Tote und fünf Verletzte gab es. Ein Protest ganz anderer Art war die Demonstration von rund 4000 Kumpeln im November 1966 gegen Stilllegungspläne.

4 Arbeitsbedingungen. Gefährlich und hart ging es im Berg zu, strapaziös und manchmal bis an die Grenzen der Kräfte gehend – nicht nur in den Anfangsjahren des Bergbaus. Knochenarbeit pur. Sicherheit war immer ein Thema, oft genug wurde sie vernachlässigt, oft arbeiteten die Kumpel in Todesangst. Viele hielten nicht durch. Zu schaffen machte den Kumpeln das Klima unter Tage: Meist wurde unter tropischer Hitze gearbeitet, es gab aber auch Kälte und sogar Eiszapfen, die bei der Arbeit behinderten.

5 Hygiene. Die war, zusammenfassend, bescheiden. Unter Tage gab’s natürlich keine Toiletten, höchstens Kübel am Schacht, sonst nichts. Auch über Tage war in den ersten Jahrzehnten ein Gemeinschaftsbad für alle die Regel. Nicht umsonst gab es später eine „Badeanstalt“. Trinken und Essen musste der Kumpel bei sich, also am Mann haben. Die Zeche stellte erst spät Getränke. Kantinen – Fehlanzeige.

6 Bergetransporte. Vor allem in Brauck und Butendorf litten die Menschen jahre-, ja fast jahrzehntelang unter den Bergetransporten. Matsch, Staub, Lärm – sie wurden ertragen, weil man wusste, sie gehörten dazu. Ein Drittel bis zur Hälfte des geförderten Materials bestand aus Gestein, Bergematerial genannt, das auf Halde kam. Selbst als ein Großteil per Blasversatz retour ging, waren die Bergetransporte nicht verschwunden; Erleicherungen gab es, als vieles auf die Schiene kam.

7 Umweltzerstörungen. Nicht nur in Gladbeck, überall sorgte der Bergbau für gravierende Eingriffe in die Umwelt. Luftverschmutzungen - etwa in Form rauchender Schlote - nahmen die Menschen anfangs positiv hin als Zeichen des Fortschritts. Gravierend waren die Gewässerverunreinigungen. Teils salzhaltige Grubenwasser wurden einfach in die Bäche geleitet. 1883 ergab eine Analyse des Wittringer Mühlenteichs einen Salzgehalt, der dem des Atlantischen Ozeans entsprach! Tiere litten, aber Überschwemmungen der Äcker brachten auch Verschlechterungen der Böden.

8 Halden. Die Bezeichnung „Landschaftsbauwerk“ und die angepriesene Freizeitnutzung („Braucker Alpen“) kaschiert, dass die Bergeaufschüttungen Landschaften, vor allem in Brauck, nachhaltig zerstörten. Hinzu kamen quälende Bergsenkungen sowie naturfeindliche Bachbegradigungen mit Umwandlungen in Köttelbecken.

9 Absatzkrisen. Absatzkrisen begleiteten den Bergbau, seitdem es ihn gab. Immer wieder war das mit Entlassungen verbunden, die Menschen – vor allem in den ersten Jahrzehnten – in Not stürzten. Schon in den allerersten Jahren, in den 1870ern, gab es eine Wirtschaftskrise, die die Zechen in die Knie zwang. In den 20-er Jahren, Anfang der 30-er Jahre brach die Produktion ein. Dann die Kohlekrise in den 50ern und 60ern. Erste Zechenschließungen gab es, allerdings nicht als Folge fehlender Kohle in den Gruben oder erschöpfter Kohlefelder. Vielmehr setzte billige Importkohle den Revierzechen mehr und mehr zu, auch wurden gern, selbst in florierenden Zechen, Stilllegungsprämien mitgenommen. Die Kumpel zahlten aber die Zeche.

10 Brachen. Lange litt die Stadt unter den riesigen, ungenutzten Flächen der ausgedienten Zechen. Erst allmählich wurde eine Wiedernutzung eingeleitet (Gewerbepark Brauck, Gewerbegebiet Stollenstraße), am gravierendsten und längsten dauerte die Umwandlung von Moltke 1/2 zum Wohnquartier.

EURE FAVORITEN