Erinnerungen an die Kindheit an der Kieler Straße

Die Kinder von der Kieler Straße bei ihrem Schützenumzug.
Die Kinder von der Kieler Straße bei ihrem Schützenumzug.
Foto: WAZ FotoPool
Für die Kinder der Kieler Straße waren die Nachkriegsjahre ein Paradies. So viele Spielkameraden lebten in der Nachbarschaft in Gladbeck-Brauck, dass es nie einsam oder langweilig wurde. Jedes Jahr feiern die ehemaligen Nachbarn deshalb Wiedersehen: Immer am zweiten Wochenende im Oktober.

Es war eine schlechte Zeit. Und es war die beste Zeit. Für die Kinder der Kieler Straße waren die Nachkriegsjahre ein, wenn auch entbehrungsreiches, Paradies. So viele Spielkameraden lebten in der Nachbarschaft, die nur aus fünf Häusern bestand, dass es nie einsam oder langweilig wurde. „Wir hatten alle nichts, vielleicht hat uns das zusammengeschweißt“, sagt Ursula Schwabe (69).

Drei Jahre alt war sie, als ihre Familie nach dem Krieg in die neue Wohnung in Brauck zog. Drei Jahre später wurde Franz Burger (66) geboren. Von klein auf kennen sich die beiden. Der Kontakt, die Freundschaft, hält bis heute. Irgendwann kamen die beiden auf die Idee, ein Treffen für die erste Kindergeneration der Kieler Straße zu organisieren. Seit nunmehr neun Jahren gehört der zweite Freitag im Oktober den Erinnerungen.

Neun bis zehn Ehemalige

Neun bis zehn Leute kämen immer, sagen die beiden. Anekdoten, alte Fotos und dieses Gefühl der Vertrautheit genießen die ehemaligen Nachbarskinder dann – „der Abend ist immer viel zu schnell rum“, sagt Franz Burger.

Wie sie damals Pitschendopp spielten, und Klippchen. „Da ist so manche Scheibe zu Bruch gegangen“, sagt Ursula Schwabe lachend. Die Jungs spielten Fußball, Völkerball, und übten sich mit einem Nachbarsjungen im Faustkampf. Da gab es schon mal eine blutige Nase. „Aber das war nach einer Stunde wieder gut“, sagt Burger. Überhaupt: Die Kinder seien sehr selbstständig gewesen. „Wenn man da mal heulend nach Hause kam, weil es Streit gab, da haben sich die Eltern nie eingemischt“, sagt Ursula Schwabe. „Geh runter, klär das“, habe ihre Mutter gesagt.

Legendäre Schützenfeste

Zu gerne erinnern sich die beiden Freunde an die Schützenfeste, die an der Kieler Straße gefeiert wurden. Mit Schießsport hatten die Feste „rein gar nichts“ zu tun. Vielmehr ging es ums Beisammensein. Die Eltern stifteten Kartoffelsalat und Würstchen, „es gab sogar echten Bohnenkaffee, damals etwas ganz besonderes“. Und die Kinder machten sich schick. Aus Krepppapier habe sie sich Kleider gebastelt, verziert mit goldenen Sternen, erinnert sich Ursula Schwabe. Jedes Jahr wurde ein König gewählt, einmal auch Franz Burgers Bruder Siegfried. Und dann zog die Festgemeinde in einem kleinen Umzug durch die Straßen. „Wir feiern heut ein Schützenfest haben wir gesungen“, sagt Ursula Schwabe und beginnt, die Melodie zu summen.

Wenn die ehemaligen Nachbarskinder in Erinnerungen schwelgen, gibt es kein Halten mehr. Wie das war, damals, als Autos noch rar waren. „Wenn der Kartoffelmann kam, haben wir uns alle hinten an sein Dreirad gehängt, um einmal ein Auto anzufassen“, erzählt Ursula Schwabe. Und erst die Freude, wenn der Eismann mit seinem Moped angeknattert kam. Oder wenn jemand für ein paar Pfennige Bonbons spendierte. „Zehn Pfennige, das war ja für uns ein Reichtum“, schwärmt Franz Burger. Dafür konnten die Kinder zum Beispiel in der benachbarten Beamtensiedlung einen Roller mieten.

Eine schöne Zeit. „Das würde heute kein Kind mehr schaffen“, sagt Ursula Schwabe, „zwölf Nachbarskinder findet man ja fast nirgends mehr.“ Einen so engen Zusammenhalt, wie sie ihn als Kind in ihrer Nachbarschaft erlebt hat, sei wohl heute schwer zu finden. Bei den ehemaligen Nachbarskindern halten die Bande bis heute. Wenn auch lockerer. Das jährliche Treffen ist trotzdem ein Höhepunkt für alle. Eine Reise in das Paradies der Kindheit.

 
 

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