Die Karwoche brachte für Gladbeck das Kriegsende

Georg Meinert
Dieses Haus an der Agnesstraße wurde kurz vor Kriegsende komplett zerstört.
Dieses Haus an der Agnesstraße wurde kurz vor Kriegsende komplett zerstört.
Foto: WAZ FotoPool
In den letzten Tagen des Krieges lagen im Zweckeler Wald deutsche Soldaten. NS-Parteifunktionäre trommelten mit Durchhalteparolen auf die Bevölkerung ein

Gladbeck. Die Karwoche 1945 brachte Gladbeck das Kriegsende. Zunächst ließen die Luftbombardements nach, dafür kam der Kanonendonner langsam, aber unaufhaltsam näher.

Die Front lag an Palmsonntag inzwischen bei Dinslaken, Tage zuvor hatten die Alliierten den Rhein überquert. In der Schwarzen Heide wurde noch einmal ein Widerstand organisiert, Volkssturmmänner aus Gladbeck wurden zur Unterstützung abkommandiert. Die heutige B 223 zwischen Grafenwald und Kirchhellen sah aus wie ein Heerlager – die Wehrmacht zog noch einmal alle Kräfte zusammen.

In Gladbeck lagen im Wald zwischen Zweckel und Feldhausen deutsche Soldaten. An der Redenstraße stand sogar noch ein Feldküche. Alles war kaum getarnt, wie Augenzeugen berichteten. NS-Parteifunktionäre trommelten noch mit Durchhalteparolen auf die Bevölkerung ein, die in den Kellern in großer Angst ausharrten und das Kriegsende herbeisehnten. Und sie drohten: „Wer die weiße Fahne hinaushängt, wird erschossen.“

Statt der schweren Bomber flogen mehr und mehr schnelle, tieffliegende Jagdflugzeuge zwecks Aufklärung auf Gladbeck zu. Zeichen dafür, dass die Front weiter näher rückte. Zeitzeuge Franz Dieter Krisch, damals als elfjähriger Junge an der Welheimer Straße in Brauck zu Hause, erinnert sich: „Ein englischer Jäger kreiste über Bottrop-Boy, kam runter und flog auf uns zu.“ Als er in Haushöhe und nah genug war, feuerte er mit einem Maschinengewehr auf den Jungen und die Nachbarkinder. Die Geschosse schlugen direkt neben ihnen ein. „Als er über uns hinwegflog, konnte ich in das Gesicht des Piloten gucken.“

Die Tiefflieger jagten den Menschen neue Schrecken ein, hielten viele aber nicht davon ab, einen am Bahnhof West stehenden Proviantzug der Wehrmacht, der nicht mehr beaufsichtigt wurde, zu „entern“: Sie bedienten sich an Zucker, Mehl, Bonbons und Vitamintabletten.

Im Stollen der Moltke-Halde hielt OB Bernhard Hackenberg am 24. März die letzte Besprechung mit 30 verbliebenen Stadtbediensteten ab. Er erklärte die Stadtverwaltung für aufgelöst und das Stadtgebiet Gladbeck zum Operationsgebiet. Gleichzeitig unterstellte er die Stadt den Befehlshabern der Wehrmacht, die inzwischen in Dorsten ihren Befehlsstand hatten. Die 9. US-Armee unter Generalleutnant Simpson stand vor Kirchhellen und Dorsten. Hackenberg, der ahnte, was auf die Stadt zukam, flüchtete augenblicklich aus der Stadt und dem Kriegsgeschehen.

Letztes Aufgebot aus Buer

Am Montag, 26. April, formierte sich noch einmal ein Volkssturm, die Wehrmacht schickte aus Buer ein letztes Aufgebot nach Gladbeck und gab ihm einige Lkw voll Lebensmittel zur Beruhigung der Bevölkerung mit. Einen Tag später (27. April) wurden in einer heimlichen Blitzaktion von verbliebenen Mitarbeitern der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) vor ihrer Flucht auf dem Hof des Polizeigebäudes Akten und Daten vernichtet, vor allem über die rund 13 000 Zwangsarbeiter, die in der Stadt lebten.

Mitte der Karwoche 1945 hörten die Menschen, die in Kellern und Bunkern weiter einem ungewissen Schicksal entgegen zitterterten, ununterbrochenen Geschützdonner. Aus westlicher und nördlicher Richtung rückte die Front näher, Wehrmachtssoldaten wurden dabei beobachtet, wie sie Richtung Buer und Horst flüchteten.

Autobahnbrücke vor der Sprengung bewahrt 

Ausgezehrte deutsche Soldaten, meist in zerschlissenen Uniformen, sprengten auf ihrem Rückzug Richtung Buer und Horst in der Karwoche 1945 noch die Autobahnbrücke an der Heilig-Kreuz-Kirche in Butendorf.

Die Sprengung der Brücke über die nicht weit entfert liegende Landstraße wurde durch einen Anwohner namens Königsmann vereitelt, wie Zeitzeugin Gertrud Kopka berichtet. Die damals 25-Jährige weiß noch genau, dass er heimlich und unter Todesgefahr die Zündschnur, die von Wehrmachtsangehörigen gelegt worden war, durchschnitt.

Gesprengt werden sollte auch die Autobahnbrücke über die Bottroper Straße in Ellinghorst. Zeitzeugin Erna-Johanna Fiebig, damals 16 Jahre alt, erinnert sich, dass Jugendliche dafür abkommandiert wurden.

Was die Alliierten am Ende nicht aufhielt: Rentfort und Ellinhorst erreichten die US-Kämpfer von Kirchhellen aus, nach Brauck und Butendorf kämpften sich US-Panzer und GI’s auch von Bottrop kommend über die Welheimer Straße und die Brauckstraße vor.