Zu kalt für Stolpersteine

Gelsenkirchen.. Die Bilanz war schon ein wenig ernüchternd. Bei der zweiten Verlegeaktionen von Stolpersteinen konnte Gunter Demnig, Konzeptkünstler aus Köln und Initiator der Aktion, nur an zwei von sieben geplanten Stationen Gedenktafeln aus Messing in den Boden einpflastern. Es war schlichtweg zu kalt am Dienstag, der Boden gefroren. Trotzdem, oder gerade deshalb war das Grauen der Judenverfolgung im Nazi-Regime spürbar.

Wo heute Passanten von Geschäft zu Geschäft durch die Fußgängerzone in der Hauptstraße hetzen, wurde 1941 die Familie Grüneberg aus ihrer Metzgerei und ihrer Wohnung in ein so genanntes Judenhaus vertrieben. Gunter Demnig geht in die Knie, setzt das Stemmeisen an und hebelt die Bodenplatte vor der Hausnummer 16 aus. Hier haben Paul, Helene und Hella Grüneberg gewohnt. Die drei ebenerdig eingesetzten Stolpersteine geben Auskunft über deren Geburtsjahrgang, Deportation und Ermordung.

„Wir haben nur zwei von sieben Stationen geschafft“, sagt der 62-jährige Künstler. „Und die auch nur mit Gewalt - alles eingefroren.“ Das Knien fällt ihm sichtlich schwer. „Ich muss heute noch zum Arzt. Der wird mir wahrscheinlich sagen, dass ich nicht weitermachen kann.“

Am Vorabend in der Flora, wo Demnig einen Vortrag hielt, erklärte sich der Verschleiß vielleicht. Bei Kunstaktionen lief der gebürtige Berliner zu Fuß von Kassel aus nach Paris, nach London und nach Venedig. 1995 verlegte Demnig die ersten Stolpersteine in Köln -- ohne Genehmigung. Mittlerweile hat er legal und europaweit 23 000 Gedenktafeln versenkt. In Deutschland liegen die Steine in 529 Kommunen.

Die Stolpersteine an der Hauptstraße sind drei von insgesamt zwölf an sieben Stationen, die für Dienstag geplant waren -- an den Orten, wo die Nazi-Opfer zuletzt freiwillig gewohnt hatten: Charles Ganty am Bugapark (Schachtgerüst Zeche Nordstern); Paul Bukowski an der Zollvereinstraße; Sally, Carola und Ingrid Haase an der Kurt-Schumacher-Straße; Hulda Silberberg an der Bochumer Straße; Helene Lewek an der Wildenbruchstraße; Margit und Annemarie Zorek an der Augustastraße.

Dort, wo der der Boden zu hart ist, werden die Steine symbolisch niedergelegt. Die endgültige Einpflasterung erfolgt laut Andreas Jordan vom Gelsenzentrum (Portal für Stadt- und Zeitgeschichte) in den nächsten sechs Wochen. Der Verein ist der lokale Initiator der Stolpersteine. Die erste Verlegeaktion in Gelsenkirchen hatte am 13. Juli 2009 mit sechs Stolpersteinen an vier Stationen stattgefunden (Die WAZ berichtete).

 
 

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