Wunsch nach Beichte wächst nach Aschermittwoch auch in Gelsenkirchen

Elisabeth Höving
Der Gelsenkirchener Propst Manfred Paas im Beichtstuhl der Kirche St. Augustinus. Foto: Martin Möller
Der Gelsenkirchener Propst Manfred Paas im Beichtstuhl der Kirche St. Augustinus. Foto: Martin Möller
Foto: WAZ FotoPool
Am Aschermittwoch ist das ausschweifende Leben vorbei. Buße ist angesagt. Es beginnt die Hochzeit der katholischen Beichte. Das weiß Manfred Paas. Er ist Probst der Gemeinde St. Augustinus in Gelsenkirchen. Und sei es, dass nur zwei oder drei kommen.

Gelsenkirchen. Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Das bunte Treiben, das Bützen, das ausschweifende Feiern. Jetzt ist Buße angesagt. Die vorösterliche Fastenzeit ist auch die Hochzeit der katholischen Beichte. „Ich habe meine Katze gequält.“„Ich hasse meine Chefin.“ „Ich möchte den Wellensittichen meiner Freundin den Hals umdrehen.“ Drei Sünden, drei Geständnisse. Allerdings in keinem Beichtstuhl geflüstert und keinem geistlichen Ohr anvertraut, sondern anonym niedergeschrieben im virtuellen Internet-Beichthaus.

Über 16.000 Sünder offenbarten hier bereits ihre Verfehlungen. Offenbar erlebt das Bedürfnis zur Beichte eine Renaissance, nicht erst in der Fastenzeit. Was Manfred Paas, Propst der Gelsenkirchener Gemeinde St. Augustinus, bestätigt: „Beichten ist noch immer zeitgemäß und wird in Anspruch genommen.“ Und zwar nicht nur von Älteren.

Erst vor wenigen Tagen brachte Apple die App „Confession“ auf den Markt. Ein Angebot, unkundige Menschen durch das Beichtritual zu lotsen. Das geht aber auch ganz klassisch und einfach, so der Propst: nämlich mit dem „Gotteslob“. Das Gebetbuch liegt u.a. in St. Augustinus aus.

Vier hölzerne Beichtstühle

Hier im Gotteshaus mitten in der Stadt gibt es zudem täglich die Möglichkeit, sein Gewissen zu erleichtern von kleinen und von großen Vergehen. Von montags bis freitags leiht hier ein Priester zwischen 17 und 18 Uhr in einem von vier hölzernen Beichtstühlen den Menschen sein Ohr.

Eine Stunde lang Beichtvater sein: Das kann eine Stunde mit vielen Gesprächen bedeuten, eine Stunde, in der Menschen wie Manfred Paas gut zuhören, Ratschläge erteilen, Lebenshilfe geben, Bußen auferlegen und von Sünden lossprechen.

Schlangen vor den Beichtstühlen allerdings gibt es nicht. Im Durchschnitt sind es zwei bis drei Gläubige am Tag. „Es gibt aber auch Tage“, sagt der Propst, „da kommt niemand.“ Das gibt dem Priester Gelegenheit, sich selbst zu besinnen. Er liest in seinem Brevier, sieht sich aktuelle Ausstellungen an, kommt mit Kirchenbesuchern ins Gespräch.

Beichte wird zur Beratung

Überhaupt: das Gespräch. Das suchen Menschen häufig beim Besuch der Beichte. „Darum bieten wir auch einen kleinen Raum anstelle des Beichtstuhls an.“ Da wird die Beichte schon mal zur Beratung, braucht der Priester psychologisches Gespür.

Aber auch der dunkle Stuhl findet immer noch Verwendung. Mit dem Gottesmann in der Mitte, einer separaten Eingangstür für den Besucher, dahinter Kniebank oder Holzsitz, gedämpftes Licht. Priester und Gläubige trennt ein Gitter. Hier wird mit leiser Stimme gesprochen.

Über was, das bleibt im Beichtstuhl verschlossen wie hinter einer Panzertür. Paas: „Das Beichtgeheimnis ist ein hohes Gut und kirchenrechtlich ganz hoch aufgehängt.“ Der Beichtstuhl sei eine Schutzzone für die Menschen. Und kann damit auch zur lebenslangen Belastung für den Priester werden, zum Beispiel wenn er von Strafdelikten erfährt. „Das ist mir zwar noch nicht passiert, aber ich kenne Kollegen, die sehr unter solchen Fällen gelitten haben.“ Schwer auch, wenn Priesterkollegen untereinander beichten, wenn Interna bekannt werden, über die dann doch nicht gesprochen werden darf. Jeder Beichtvater kennt übrigens auch echte Stammkunden. Beichten ist eben Vertrauenssache.

Schutt der Seele abladen

„Viele meinen, sie hätten gar nichts zu beichten“, lächelt der Gottesmann, „aber nur weiße und nur schwarze Seiten, die besitzt kein Mensch.“ Der Propst meint: „Die Beichte ist der Hausputz der Seele.“ Es tue gut, sich selbst zu hinterfragen und dann im Beichtstuhl den Schutt der Seele abzuladen: „Das Gift muss manchmal raus, darüber zu reden, ist oft eine Erleichterung.“

Dafür wählen die einen den Priester, die anderen Freunde, Familie, Fachkräfte wie Psychologen oder gar, siehe oben, das Internet. Eines aber kann weder das virtuelle Beichthaus noch die iPhone-App: nämlich Sünden vergeben. Das können der katholischen Lehre nach nur der liebe Gott und in dessen Namen der Priester.

Buße aber muss sein: Das kann ein Gebet sein, die Auseinandersetzung mit einem Text. Manchmal gibt der Propst aber auch einfach den Rat, was Gutes zu tun, im sozialen Bereich zum Beispiel.