Wie man die Einwohner von Gelsenkirchen richtig benennt

Lars-Oliver Christoph
Die Gelsenkircher Straße gibt es gleich mehrfach in Deutschland – so in Herne (Bild) und in Berlin-Spandau. Foto: Martin Möller
Die Gelsenkircher Straße gibt es gleich mehrfach in Deutschland – so in Herne (Bild) und in Berlin-Spandau. Foto: Martin Möller
Foto: WAZ FotoPool

Gelsenkirchen. Es gibt Rotthauser, aber keine Beckhauser. Menschen aus der Altstadt geben sich ungern als „Altstädter“ aus. Und in Herne spricht man vom Gelsenkircher. Eine Annäherung an die Feinheiten der Einwohnerbezeichnungen - für die es keine Regeln gibt.

Ratssitzungen bringt Frank Baranowski für gewöhnlich souverän über die Bühne. In der letzten Sitzung vor der Weihnachtpause stutzte der Oberbürgermeister jedoch, als er einem Vertreter der Bürgerinitiative „Scholver Feld“ das Rederecht erteilte. „Müsste es nicht eigentlich ,Scholvener Feld’ heißen?“, fragte sich nicht nur die Stadtspitze.

Um’s vorweg zu sagen: Definitiv beantworten lässt sich diese Frage nicht. Und selbst der sonst (fast) allwissende Duden hat für solche Fälle kein Patentrezept, sondern verweist in letzter Konsequenz auf die „ortsübliche Praxis“.

Dass auch Gleiches bei diesen so genannten Einwohnerbezeichnungen nicht immer gleich behandelt wird, dafür gibt es in Gelsenkirchen ein ganz besonderes Beispiel: Menschen aus Rotthausen werden gemeinhin Rotthauser genannt, Bürger aus Beckhausen dagegen Beckhausener. Wie das nun genau entstanden ist, das wissen selbst ausgewiesene Experten wie der Historiker Heinz-Jürgen Priamus (Institut für Stadtgeschichte) oder Rotthausen-Kenner Karl-Heinz Rabas (Bergbausammlung) nicht. Und auch Andreas Pörschke, Vorsitzender des Gelsenkirchener Heimatbundes, ist hier letztlich überfragt.

Albert Ude kommt „ausse Altstadt“

Georg Lecher vom Verein für Orts- und Heimatkunde GE-Buer versucht’s mit einer Annäherung: Für Beckhausen sei die Endung „er“ nahe liegend, weil der Namensgeber ein Bauer namens „Schulte-Beckhausen“ war. Und „Rotthauser“ sei vielleicht auch darauf zurückzuführen, dass manchen Sprachen wie z.B. das Plattdeutsche zur Verkürzung neigten. Ganz sicher ist sich Lecher dagegen in Sachen - na klar - Buer beziehungsweise Bueraner. Schon im Mittelalter sei von „Bueranus“ die Rede gewesen, sagt er.

Der Duden hat hier aber noch eine weitere Erklärung: Ortsnamen mit der Endung „-er“ erhalten oft die Endung „-aner“, um die Dopplung „-erer“ zu vermeiden. Das konnte Namensgeber von Hotels und Straßen in Gelsenkirchen allerdings nicht davon abhalten, sich für „Buerer Hof“ und „Buerer Straße“ zu entscheiden. Damit liegen sie irgendwie im Trend, wie der Duden weiß, denn: Der Gebrauch von „-aner“ sei stark zurückgegangen. Ob die Heßleraner vielleicht bald Heßlerer heißen? Wohl eher nicht. Und den traditionsbewussten Bueranern sollte man mit dem Vorschlag auf Umbenennung in „Buerer“ wohl lieber gar nicht erst kommen.

Doch auch Menschen im Süden haben ihre Eigenheiten. So gebe es nämlich keine „Altstädter“, sagt Architekt und Altstadt-Bewohner Albert Ude. „Wir sagen: Wir sind Gelsenkirchener.“ Und wenn’s doch um den Ortsteil geht: „Dann sagt man: Ich komme ausse Altstadt“, sagt Albert Ude.

Apropos: Gelsenkirchener. Auch hier gibt es Ausreißer – allerdings jenseits der Stadtgrenzen. So gibt es zum Beispiel in der Hauptstadt, in Berlin-Spandau, oder sogar kurz hinter der Stadtgrenze beim Nachbarn Herne eine „Gelsenkircher Straße“. Böses Foul! Nach WAZ-Informationen soll die Herner Straße in Ückendorf aber aus Rache trotzdem nicht in Hernerer Straße umbenannt werden . . .