Gelsenkirchen

Sikh-Anschlag in Essen: „Mama, das waren wir.“ Wie mein Sohn zum Salafisten wurde

"Ich kann selbst kaum glauben, dass das alles passiert ist": Neriman Yamans Sohn Yusuf wurde zu einem radikalen Salafisten.
"Ich kann selbst kaum glauben, dass das alles passiert ist": Neriman Yamans Sohn Yusuf wurde zu einem radikalen Salafisten.
Foto: Peter Sieben
  • Neriman Yamans Sohn Yusuf ist einer der mutmaßlichen Tempelbomber
  • Mit uns spricht sie über seine Radikalisierung und Hass-Prediger wie Pierre Vogel
  • Nach dem Anschlag in Essen sagte er: „Mama, das waren wir.“

Gelsenkirchen. Wenn Yusuf zurück aus dem Gefängnis kommt, wird er sein Zimmer nicht wiedererkennen. Neriman Yaman hat alle Sachen ihres Sohnes ausgeräumt, die Wände gestrichen, neue Möbel gekauft.

"Wir haben hier so viel gestritten in diesem Zimmer, es war so eine schlimme Zeit. Das musste alles weg", erzählt Neriman Yaman.

Ihr Sohn Yusuf ist einer der beiden mutmaßlichenTempel-Bomber. Am 16. April 2016 haben er und ein Freund einen Sprengsatz auf den Tempel der Sikh-Gemeinde in Essen geworfen, so die Ermittlungen.

Drei Menschen wurden verletzt - einer schwer

Drei Menschen wurden dabei verletzt. Einer davon schwer. Yusuf war da gerade einmal 16 Jahre alt. Einige Tage danach hat er sich gestellt. Jetzt sitzt er in der JVA Iserlohn ein.

Yusuf kommt aus keinem schwierigen Elternhaus. In vierter Generation lebt die türkischstämmige Familie in Gelsenkirchen-Ückendorf. Hier in einem alten Zechenhaus wohnte Yusuf bis zu seiner Festnahme: Mit Mutter Yeriman, Vater Hüseyin und seiner älteren Schwester Büsra.

Die helle Wohnung ist blitzblank geputzt, eine Katze schaut mürrisch vom Sofa auf. Auf dem Küchentisch steht selbstgebackener Kuchen. Und Neriman Yaman setzt Kaffee auf, während sie mir erzählt, wie ihr Sohn zu einem radikalen Salafisten wurde. Einem Salafisten, der im Namen Allahs eine Bombe auf eine Hochzeitsgesellschaft geworfen hat.

Wann hatten Sie das erste Mal Angst um Ihren Sohn?

Neriman Yaman: Eines Morgens kam er mit so einem Gewand und einem Turban an den Frühstückstisch. Das war vor etwa zwei Jahren. Da dachte ich: Okay, das wird jetzt langsam unheimlich.

Wie haben Sie reagiert?

Yaman: Mein Mann und ich haben ihm verboten, das draußen oder in der Schule anzuziehen. Ich wollte nicht, dass er aussieht wie so ein Radikaler. Die Menschen sind da zurzeit sehr sensibel, da muss man nicht mit so einem Gewand rumlaufen.

Welche Rolle spielt der Islam in Ihrer Familie?

Yaman: Ich selbst bin in einer ganz normalen islamischen Familie aufgewachsen. Es gab da keinen Zwang. Ich hatte als Jugendliche immer meine Lederjacke an und zerrissene Jeans. Einmal hab ich mir so eine Rock'n'Roll-CD gekauft. 'Das Beste aus den 50ern bis 80ern'. Seitdem war ich der totale Elvis-Presley-Fan. Es war sehr liberal bei uns. Es gab auch keinen Kopftuchzwang oder so.

Aber jetzt tragen sie ja eins.

Yaman: Ich war früher viele Jahre lang Vegetarierin. Ich fand das schlimm, Tiere zu essen. Da hat mein Vater gesagt, dass wir das laut Koran aber ruhig machen dürfen. Ich hab das dann nachgelesen und mich so ein bisschen mit dem Islam beschäftigt. Und dann hab ich gelesen, dass Frauen mit einem Tuch ihren Kopf und die Schultern bedecken sollten. Das hab ich dann irgendwann angefangen. Aber übermäßig religiös bin ich nicht, genau wie mein Mann. Und Yusuf hat sich früher auch nicht so für den Islam interessiert.

Wie war Yusuf als Kind?

Yaman: Yusuf hat immer über alles Mögliche nachgedacht. Er liest sehr gerne, hat er immer schon. Egal was, er wollte immer mehr. Kartons voller Bücher hatte ich hier. Und diese "Geolino"-Hefte hat er immer gelesen. Da sind so Wissenschaftsthemen für Kinder drin. Er wollte wissen, wie ein Fernseher funktioniert. Und dann wollte er wissen, warum überhaupt jemand auf die Idee kommt, einen Fernseher zu bauen.

Er war aber auch immer hibbelig. Ein Zappelphilipp. Er muss immer reden, er muss immer irgendwas machen. Einfach ruhig sitzen konnte er nie. Yusuf musste immer im Mittelpunkt stehen. Das war oft schwierig. 2012 war ich dann bei der Familienberatung, da hat ein Kinderpsychologe festgestellt, dass er ADHS hat. Deshalb hatten wir oft Probleme mit ihm.

Was für Probleme waren das?

Yaman: Das fing im Kindergarten an. Seine Schwester war da immer lieb, immer unauffällig. Und Yusuf war genau das Gegenteil. In der Grundschule ging das weiter. Er hat permanent den Unterricht gestört. Ich musste immer wieder zu den Lehrern, weil wieder irgendwas war. Seine Leistungen waren aber immer sehr gut. Er wollte unbedingt auf das Grillo-Gymnasium. Das hat er auch geschafft.

Anfangs lief es da auch noch gut. Die Noten waren prima. Aber auch auf dem Gymnasium war er immer verhaltensauffällig. Dann ist er zur Realschule gewechselt. Da war ich in den letzten zwei Jahren mindestens zwei Mal pro Woche. Einmal, weil Yusuf unbedingt mit Gebetsteppich auf dem Schulhof beten musste. Ein anderes Mal wollte er Korane verteilen.

Wann hat Yusuf angefangen, sich so intensiv für den Islam zu interessieren?

Yaman: Yusuf hatte immer einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Bei Youtube hat er ständig Videos über den Palästinenser-Konflikt gesehen. Da wurde gezeigt, wie Muslime getötet werden.

Das fand er alles wahnsinnig ungerecht und hat sich furchtbar aufgeregt. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass solche Konflikte immer zwei Seiten haben, aber er hat sich da reingesteigert.

Über die Videos ist er dann zu anderen Videos gekommen, wo Leute auf arabisch predigen. Ich hab dann gesagt: Schau dir doch was auf Deutsch an. Den Pierre Vogel, da verstehst du, was der sagt.

Wussten Sie da, dass Pierre Vogel Salafist ist und vom Verfassungsschutz beobachtet wurde?

Yaman: Nein, ich wusste da noch nicht, was der macht. Der war mal hier in der Gemeinde, und das klang alles immer ganz sympathisch. In seinen Videos redet der ja auch immer gegen den IS und Gewalt. Ich dachte, das wäre gut für Yusuf.

War es das?

Yaman: Wahrscheinlich nicht. Aber der war eigentlich nicht der Auslöser. Der spricht ja immer gegen den Islamischen Staat. Und Yusuf wollte wissen: Warum spricht der dagegen?

Irgendwann hat er sich mit merkwürdigen Leuten getroffen. Die haben kostenlose Korane verteilt. Zuerst dachte ich mir nichts Schlimmes dabei. Yusuf war ruhiger geworden, höflicher und freundlicher.

Aber dann waren die immer bei einem Typen aus Duisburg, der ein Reisebüro hat. ‚Der bringt uns Arabisch bei‘, hat Yusuf erzählt.

Wir haben ihm verboten, da hinzugehen. Das war immer ein Stress zu Hause. Ich hatte wirklich Angst, dass die nach Syrien ausreisen oder so. Ich wollte nicht, dass er geht. Zwei Mal hab ich sogar meinen Mann geschickt, dass er hinterhergeht und guckt, was Yusuf macht.

Seine neuen Freunde wollten nach der Scharia leben. Und das ist ja hier nicht möglich. Man kann doch nicht in einem Staat leben, der schon Gesetze hat, und sich dann eigene Gesetze machen. Die schlimmste Zeit war, als er geheiratet hat.

Geheiratet? Wie alt war Yusuf denn da?

Yaman: Der war ja noch ein Kind. 15 war der. Seine neue Freundin kam in einer Burka zu uns nach Hause. Mit so einem Netz vor dem Gesicht. Richtig unheimlich. Im Mai letztes Jahr haben die geheiratet.

Ein deutscher Konvertit hat die beiden nach muslimischem Recht getraut. Ich hab den angerufen und gesagt: ‚Wie kannst du Kinder verheiraten?‘ Der hat mich nur beschimpft und beleidigt.

Ich bin dann komplett ausgerastet. Ich konnte nicht mehr. Ich hab alles von Yusufs Regalen geworfen, ich wollte, dass alle seine Sachen kaputt gehen. Ich war einfach hilflos.

Danach hab ich die Polizei angerufen. Habe denen gesagt: ‚Da ist jemand, der verheiratet Kinder miteinander.‘ Da haben die gesagt: ‚Tut uns leid, die haben gegen keine Gesetze verstoßen. Wir können nichts machen.‘ “

Haben Sie mal die muslimische Gemeinde um Hilfe gefragt?

Yaman: Ich habe mit mehr als 30 Gemeinden gesprochen. Ich dachte, dass dort einer Yusuf zur Vernunft bringt. Aber ich habe keine Hilfe bekommen. Das hat mich sehr enttäuscht. Erst ein Lehrer von Yusuf hat mich auf das Programm "Wegweiser" in Bochum aufmerksam gemacht.

Die kümmern sich um Leute wie Yusuf. Wie große Brüder. Denen hat er zugehört, und ich dachte, dass er allmählich wieder zur Vernunft kommt.

Ein paar Monate später hat Ihr Sohn dann trotzdem den Bombenanschlag auf den Sikh-Tempel begangen. Wie haben Sie davon erfahren?

Yaman: An dem Tag selbst kam ein Paket von der Post, das Yusuf unbedingt selbst annehmen wollte. 'Da sind Bücher für einen Freund drin', hat er gesagt. Ich bin dann später in sein Zimmer. Das Paket war offen, da waren wirklich Bücher drin.

Erst später hab ich gemerkt: Das sind alte Bücher von Yusuf. Er hat mich also ausgetrickst. Wahrscheinlich waren da Zutaten für Sprengstoff drin. Am nächsten Tag ging es ihm ganz schlecht. Er wollte nichts essen. Und am Montag kam er an und sagte: 'Mama, ich muss dir was zeigen.'

Ich hatte eigentlich gar keine Zeit, war im Stress. Da hat er mir ein Handy-Video gezeigt von so einer Explosion und einer Meldung: "Attentat auf Sikh-Tempel" oder so. Und ich hab ihn angeguckt und gefragt: 'Ja und? Was hat das mit dir zu tun?' Und er hat dann gesagt: 'Mama, das waren wir.'

Wie haben Sie sich gefühlt?

Yaman: Ich konnte das nicht glauben. Ich hab immer wieder gesagt: 'Nein, das stimmt nicht, das kann nicht sein'. Und er: 'Doch, wir waren das.' Wir waren beide geschockt.

Am nächsten Tag habe ich es meinem Mann erzählt. Und dann sind wir zur Polizei gegangen und Yusuf hat sich gestellt.

Warum haben Sie jetzt ein Buch über Ihre Erlebnisse geschrieben?

Yaman: Der einzige Grund für mich ist die Hoffnung, dass sich was ändert. Yusuf ist nicht der einzige. Es gibt noch ganz viele andere Eltern, die die selben Probleme mit ihren Kindern haben. Ich hoffe, dass an vielen Moscheen auch zum Beispiel Pädagogen sind, die sich um die jungen Leute kümmern.

Haben Sie mal mit den Opfern des Anschlags Kontakt aufgenommen?

Yaman: Ich würde das so gerne. Ich würde mich gern entschuldigen und ihnen zeigen: Wir sind nicht solche Leute. Wir sind nicht so eine Familie. Aber der Anwalt von ihnen hat davon abgeraten. Deshalb gab es noch keinen richtigen Kontakt.

Können Sie Ihrem Sohn verzeihen, was er gemacht hat?

Yaman: Wir geben ihn nicht auf. Yusuf ist immer noch mein Kind. Wenn er irgendwann aus der JVA wieder zurück ist, werde ich mich auch wieder um ihn kümmern. Hauptsache, er kommt wieder zu sich.

 
 

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