Wenn Puppen erzählen

Die kleine Johanna beim Spiel mit der Puppenspieltherapeutin Pamela Brockmann.
Die kleine Johanna beim Spiel mit der Puppenspieltherapeutin Pamela Brockmann.
Foto: Peggy Mendel

Gelsenkirchen.. Einhörner sind der Hit. Drachen gehen auch gut. Wenn Puppenspielerin Pamela Brockmann ihre Schätze auspackt, bekommen Kinder leuchtende Augen. Doch die Frau mit den fantasievollen Figuren im Gepäck ist keine ganz gewöhnliche Puppenspielerin.

Die 42-jährige Mülheimerin ist Puppenspieltherapeutin und hilft jungen Patienten in der Kinder- und Jugendklinik am Bergmannsheil Buer bei der Artikulation und Bewältigung ihrer Probleme.

Seit Anfang dieses Jahres gehört die Puppenspieltherapeutin zum Team von Psychotherapeut Dietmar Langer in der Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik. Hier werden kleine Patienten mit Störungen wie Neurodermitis, Allergien, Kopfschmerzen, chronischen Atemwegserkrankungen und Verhaltensauffälligkeiten wie Ess- und Schlafstörungen behandelt.

Die Herzen öffnen

Die Bandbreite der Therapien, die auf dieser Station (mit 30 Betten für Kinder und 30 für Begleitpersonen) angewandt wird, ist groß. „Was fehlte“, sagt Dietmar Langer, „war ein Weg, an die Emotionen der Kinder heran zu kommen. Die erzählen ja meistens nichts.“ Puppen aber öffnen oft die Herzen der Kinder: „Puppen sind das ideale Werkzeug, um einen guten Zugang zu den Patienten zu bekommen.“

Zu Johanna zum Beispiel. Die Vierjährige kann nach sechs Wochen Therapie, in der sie sich jeweils zwei Mal in der Woche mit der Puppenmutter verabredet hatte, wieder entlassen werden. Zum Beispiel Tim. Der Zehnjährige erzählte seine Geschichte mit Hilfe eines Drachen. „Auch wenn die Geschichte märchenhafte Züge hat“, sagt die Puppenspielerin, „trägt Tim seinen Alltag und seine Erfahrungen ins Spiel hinein.“ Die Figuren sind das Medium der Kinder, durch das sie sich mitteilen.

Hilfe bei Diagnostik und Therapie

Die Patienten, die an der Puppenspieltherapie teilnehmen, sind zwischen knapp vier und 12 Jahre alt. Pamela Brockmann steht inmitten einer großen Schar von Handpuppen. Ob Prinzessin oder Polizist, ob Teufel, Tod, Kasper, König oder Krokodil, alle sind sie da. Die Therapeutin gibt keine Geschichte vor, die es nachzuspielen gilt: „Das Kind wählt eine Figur aus und drückt dann mit ihr seine Gefühle und Gedanken aus.“ Die Puppe handelt und spricht stellvertretend für das Kind.

„Das Puppenspiel hilft uns bei der Diagnostik und der Therapie“, freut sich Dietmar Langer. „Die Patienten können spielen, was sie innerlich bewegt.“ Im Rollenspiel demonstrieren die Patienten, was ihnen im wirklichen Leben einen solchen Stress bereitet, dass sie sich zum Beispiel die Haut blutig kratzen oder ständig über Bauchschmerzen klagen.

Entwicklung der Geschichte

Der Psychotherapeut: „Das Kind zeigt im Spiel dringende emotionale Bedürfnisse, die es sonst gar nicht artikulieren kann.“ Das können Geschwisterrivalität sein, Verlustängste und traumatische Erfahrungen. Die Puppenspielerin beobachtet während der Sitzungen die Entwicklung der Geschichte: „Ich erkenne die Symbolik der Figuren, Gegenstände und Orte.“

Aufschlüsse ergibt auch das Angebot an die Kinder, eine Handpuppe aus einfachen Materialien selbst zu bauen. Handpuppen müssen es sein, damit die Patienten ganz in ihre Figur hineinschlüpfen können. Brockmann: „Mit einer Stabpuppe funktioniert das nicht.“

Die Puppenspieltherapie wurde vor einigen Jahrzehnten in der Schweiz entwickelt. Langer: „Wahrscheinlich sind wir deutschlandweit die einzige Klinik, die diese Therapie anbietet.“

 
 

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