Vorwürfe gegen Gelsenkirchener Ex-Amtsleiter bestätigt

In dieses Kinderheim in Pecs der Neustart Kft wurden Kinder aus Gladbeck und eins aus Herne vermittelt.
In dieses Kinderheim in Pecs der Neustart Kft wurden Kinder aus Gladbeck und eins aus Herne vermittelt.
Foto: Funke Foto Services
Gelsenkirchens OB fühlt sich "gezielt hintergangen" durch die Machenschaften der ehemaligen Jugendamts-Spitze in Ungarn. Kein materieller Schaden.

Gelsenkirchen.. Neuer Zündstoff steckt zwar nicht im Untersuchungsbericht, aber das abschließende Ergebnis der Deloitte & Touche GmbH-Recherchen bestätigt die Machenschaften der ehemaligen Jugendamtsspitze, die durch einen Bericht des ARD-Magazins Monitor Ende April aufgeflogen sind. „Wir sind offenbar gezielt hintergangen worden. Besonders schwer wiegt für mich der Vertrauensbruch der beiden betroffenen Führungskräfte.“ So formulierte Oberbürgermeister Frank Baranowski seinen persönlichen Eindruck nach der Lektüre des 40-seitigen Berichts.

Die wesentlichen Ergebnisse hat das Rechnungsprüfungsamt für die Sitzung des kommunalen Untersuchungsausschusses – der tagt am Freitag, 21. August – zusammengefasst. Unabhängig voneinander kommen die städtischen Rechnungsprüfer und die beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zu dem Schluss: Der Stadt Gelsenkirchen ist durch die Aktivitäten von Alfons Wissmann (ehemaliger Jugendamtsleiter) und seinem Vize Thomas Frings bis heute kein materieller Schaden entstanden. Immerhin. Die Rufschädigung allerdings, die die Aufdeckung des Jugendamtsskandals für das Referat Erziehung und Bildung nach sich zog, steht auf einem anderen Blatt.

Mit Stichtagsmeldungen getäuscht

Die Nachforschungen haben bestätigt, dass Alfons Wissmann und Thomas Frings am 11. November 2004 die Neustart Kft im ungarischen Pecs gegründet, allerdings bis zur Aufgabe der Firma Ende Juni 2010 kein Gelsenkirchener Kind zu einer „individualpädagogischen Maßnahme“ dorthin geschickt haben. Die Kinder beziehungsweise Jugendlichen, die in Pecs wieder in die Spur gebracht werden sollten, kamen aus dem laut Untersuchungsbericht „durchgehend“ überbelegten Kinderheim St. Josef der Augustinus GmbH und stammen aus Herne und Gladbeck. Das Jugendamt – mit Ausnahme der beiden Leiter – konnte die systematische Überbelegung nicht erkennen, das Landesjugendamt ebenso wenig. Denn das Heim St. Josef bediente beide Kontrollorgane lediglich mit den passenden Stichtagsmeldungen.

Weitere bestätigte Vorgehensweise von Wissmann und Frings: Die finanzielle Abwicklung der Unterbringung von Kindern in ihrem Neustart-Heim in Pecs erfolgte, wie es im städtischen Bericht heißt, „auf unübliche Art und Weise“ – also nicht über die Neustart Kft oder das Heim St. Josef, sondern über die Gelsenkirchener Ortsgruppe des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB). Durch diese Praxis wurden andere Träger bzw. Jugendämter getäuscht. Der stellvertretende DKSB-Vorsitzende hieß ... Thomas Frings.

Auch die nächste Verstrickung ist jetzt amtlich: Alfons Wissmann und der pensionierte ehemalige Jugendamts-Vize Hans-Jürgen Meißner waren ab 29. Juli 1996 an der „Gonda und Partner Kft“ beteiligt, die den Reiterhof Tekeres in Orfü betreibt. Die Anlage war seit 1997 einziges Auslandsziel der regelmäßigen Sommer- und Herbstfreizeiten der Jugend- und Familienförderung. Ausschreibungen oder Marktsondierungen? Fehlanzeige.

Kündigung und ruhende Ehrenämter

Die Protagonisten im Jugendamts-/St. Josef-Heim-Skandal sind Alfons Wissmann (62), Thomas Frings (58) und Anja Gersch. Jugendamtsleiter Wissmann und sein Vize Frings, Gründer der Neustart Kft, betrieben ein Kinderheim in Pecs. „Geschäftspartnerin“ im Kinderheim St. Josef war Anja Gersch. Wissmann gab seine Anteile am Reiterhof Tekeres in Orfü im Oktober 2004 ab und stieg in Neustart ein. Geblieben ist in der Gonda & Partner Kft Hans-Jürgen Meißner (69), der frühere stellvertretende Jugendamtsleiter der Stadt.

Meißner, viele Jahre Vorsitzender des Awo-Unterbezirks Gelsenkirchen/Bottrop und zuletzt Beisitzer im Awo-Vorstand, hat im Zuge des öffentlich diskutierten Skandals sämtliche Ehrenämter ruhen lassen. Wissmann und Frings wurden von OB Baranowski am Tag nach der Ausstrahlung des Monitor-Berichts „Mit Kindern Kasse machen“ mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert. Wissmanns Dienstverhältnis ist über einen Auflösungsvertrag inzwischen beendet. Frings erhielt die Kündigung. Beim Gütetermin vor dem Arbeitsgericht Anfang Juli kam es zu keinem Ergebnis. Er beharrt auf Weiterbeschäftigung. Sein Amt im Vorstand des Kinderschutzbundes ließ er ruhen. Bei einer Mitgliederversammlung mit Wahlen kürte die Ortsgruppe inzwischen einen neuen Vorstand.

Anja Gersch ist längst ehemalige Leiterin des St. Josef-Heims: Die St. Augustinus GmbH trennte sich von ihr, nachdem ein Flyer die – zunächst bestrittene – Zusammenarbeit zwischen dem Heim und Neustart belegte. Im Flyer wird St. Josef als Kooperationspartner von Neustart bezeichnet. Ansprechpartnerin: Anja Gersch.

 
 

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