Über Geschmack lässt sich streiten

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Gelsenkirchener reagieren unterschiedlich auf das Schmähgedicht von Moderator Jan Böhmermann. Demokratie müsse das aushalten, meint Prof. Hasenkox

Gelsenkirchen.. Ein Mann spaltet momentan die Gesellschaft bzw. die Beziehung der Nationen. Grimme-Preis auf der einen Seite, Androhung von Strafverfahren auf der anderen Seite. Jan Böhmermann ist bekannt für Provokationen. Aber ist er diesmal zu weit gegangen?

Atilla Öner, Mitglied der Gelsenkirchener SPD und Unternehmer hat eine klare Meinung. „Ich habe mir das Video erst nach Ihrer Presseanfrage überhaupt einmal angeguckt, denn eigentlich interessiert mich so etwas überhaupt nicht. Aber ich muss schon sagen, der Text ist einfach nur menschenverachtend, ganz gleich gegen wen diese Provokation gerichtet ist.“

Da mache er auch keinen Unterschied zwischen Nationalitäten oder Berufsgruppen. Beleidigung ist Beleidigung. „Ich sehe es auch gar nicht als eine rassistische Entgleisung an“, so Öner. Denn trotz seiner türkischen Herkunft, „fühle ich mich persönlich in keiner Weise beleidigt.“ Öner befürchtet nur, dass durch die mediale Berichterstattung zum einen Jan Böhmermann das gewollte Medienecho und den populären Nährboden erhält, zum anderen das Thema in einer Art hochgeschaukelt wird, die es gar nicht verdient. Auch Mustafa Çetinkaya, Leiter des hiesigen Integrationsamtes, sieht die Debatte kritisch. „Ich glaube, es würde niemandem von uns gefallen, so beleidigt zu werden, daher spielt es für mich auch keine Rolle gegen wen dieses Gedicht nun gerichtet ist“, so Çetinkaya. „Für Satire find ich es ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen.“

Dummheit tolerieren

Wenn sich einer mit Satire und Comedy auskennen muss, ist es wohl Prof. Dr. Helmut Hasenkox von „emschertainment“. Der Geschäftsführer zieht bewusst Stellung und ergreift eher Partei für Jan Böhmermann. „Dass die Geschichte etwas geschmacklos war, darüber brauchen wir nicht sprechen. Das ist so“, sagt Hasenkox. „Aber Demokratie muss sowohl Geschmacklosigkeit als auch Dummheit tolerieren.“ Dafür lebe man ja in einer Demokratie, die halt dann doch einiges aushalten müsse, so Hasenkox.

Melek Topaloğlu, Vorsitzende des Gelsenkirchener Integrationsrates, ist hin und her gerissen. Zum einen schätzt sie als Vorsitzende des Integrationsrates die Meinungs- und Pressefreiheit. Auf der anderen Seite haben für Topaloğlu Beleidigungen, auch in demokratischen Verhältnissen, keinen Platz. „Besonders die Wortwahl von Herrn Böhmermann finde ich sehr bedenklich“, so Melek Topaloğlu. „Solch krasse Worte wurden meines Erachtens noch gegen kein anderes Staatsoberhaupt je gerichtet.“ Sie denkt, dass die Geschichte außerdem zu einem völlig falschen und sehr sensiblen Zeitpunkt passiert sei. Und das sei einfach nur schade. Fotos: Schmidtke/ Möller

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