Theaterstück erntet stürmischen Beifall von fast 200 Gästen

Zwanzig Flüchtlinge stellen im Stadtbauraum Gelsenkirchen in dem Theaterstück „Alles im Wunderland“ ihre Träume dar.
Zwanzig Flüchtlinge stellen im Stadtbauraum Gelsenkirchen in dem Theaterstück „Alles im Wunderland“ ihre Träume dar.
Foto: Martin Möller
„Alles im Wunderland“ hieß das Stück, das 20 Flüchtlinge am Dienstag im Stadtbauraum in Gelsenkirchen auf die Bühne brachten.

Gelsenkirchen..  Ein kleines weißes Mädchen erwacht aus seinem Schlaf und sagt: „Ich hatte letzte Nacht einen Traum.“ Dann hält es sich den Finger vor die Lippen und tanzt. Dunkelhäutige junge Menschen in weißen T-Shirts schälen sich hinter den Vorhängen hervor, sie bewegen sich teils rhythmisch, andere verrenken sich und mimen Verletzungen. Die Musik vom Band wird wirrer, an die Leinwand ist ein Mahlstrom projiziert. Die jungen Leute schleppen sich zur Bühne, erreichen mit letzter Kraft das rettende Ufer. Fertig, angekommen. Angekommen?

„Alles im Wunderland“

„Alles im Wunderland“ hieß das Stück, das 20 Flüchtlinge – darunter Syrer und Eritreer – unter der Regie von Thorsten Brunow am Dienstag vor fast 200 Besuchern im erweiterten Gebäude des ehemaligen Schachts Oberschuir auf die Bühne brachten. Der Titel, ein Spiel mit Lewis Carrolls Roman „Alice in Wonderland“, suggeriert die Vorstellung, die viele Flüchtlinge von Deutschland haben. Doch so gelobt, wie sie gedacht haben, ist das Land nicht. „Ich fühle mich wie eine Puppe, die keiner mehr mag“, sagt einer. Einer der Darsteller schlüpft in die Rolle eines Beamten und schreit: „Papiere, Papiere!“ Haben sie natürlich nicht. Einer sagt, streng nach Goethes Faust: „Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!“ Dann taucht ein ganz in Schwarz gekleideter „General“ auf – Symbol für vermeintliche Repressionen. Im Kontakt mit den Flüchtlingen soll er noch Demut lernen.

Alma Gildenast studierte Choreographie ein

Es war beeindruckend, was hier geleistet wurde. Alle sprachen leidlich gut Deutsch, die von Alma Gildenast einstudierte Choreographie klappte reibungslos. Und – es wurde auch gesungen: Als einer in orientalischen Harmonien „ein bisschen Leben, ein bisschen Sonne“ singt, gibt es Zwischenapplaus.

Dass hinter den Flüchtlingen Biografien und Wünsche stecken, geht in der Berichterstattung über den Massenexodus oft unter. Doch die Leute haben Sehnsüchte wie alle Menschen. Als eine junge Frau vor der Leinwand sitzt und malt, sagt sie: „Meine Lieblingsfarbe ist Blau.“ Sie sehnt sich nach dem Meer ihrer Heimat.

Erstaunlich und ergreifend

Erstaunlich und für einige ergreifend war die Szene, als ein Teil des Publikum aufstand und sich zu dem Chor der Flüchtlinge auf die Bühne gesellte. Natürlich war das geplant – na und?! Am Ende kommt wieder das kleine weiße Mädchen und sagt: „Es war nicht nur ein Traum. Kommt ihr?!“ Stürmischer Beifall. Ende.

In ihrer Einführung hatte Bürgermeisterin Martina Rudowitz im Vorgeschmack auf das Stück von „einem Stückchen Illusion und einem Stückchen Realität“ gesprochen. Was erlebt werden würde, sei auch „ein Stück Gelsenkirchener Geschichte“. Ziel des Projekts war es tatsächlich, aus Illusion Realität zu machen. Denn alle Schauspieler haben berufliche Erfahrungen, die sie jetzt hier weiter pflegen wollen. Zu diesem Zweck kam es im Anschluss bei Snacks und Getränken zu Gesprächen mit potenziellen Arbeitgebern.

EURE FAVORITEN