Streit um Stolpersteine in Gelsenkirchen

Lars-Oliver Christoph

Gelsenkirchen.  Um das Projekt Stolpersteine zur Erinnerung an die NS-Zeit ist in Gelsenkirchen eine Auseinandersetzung entbrannt. Organisator Andreas Jordan wird vorgeworfen, er habe alles „an sich gerissen“. Jordan wirft der Verwaltung mangelndes Engagement vor.

Am 22. Juni werden wieder an verschiedenen Stellen der Stadt Stolpersteine verlegt. Die Realisierung dieses Erinnerungsprojekts geht mittlerweile aber nicht ohne Auseinandersetzungen über die Bühne. Der Inhalt und die Botschaft dieses in ganz Deutschland präsenten und anerkannten Projekts des Künstlers Gunter Demnig – die Erinnerung an Opfer der Nazi-Diktatur – droht in Gelsenkirchen ein wenig in den Hintergrund zu geraten. Im Mittelpunkt steht dabei Andreas Jordan und der von ihm gegründete Verein Gelsenzentrum.

Der Horster und seine Frau Heike sehen sich von mehreren Seiten mit dem Vorwurf konfrontiert, das Projekt komplett an sich gerissen zu haben. Einer der Kritiker ist der frühere Kulturdezernent Peter Rose, der die erste Verlegung von Stolpersteinen mit einem Unterstützerkreis praktisch möglich gemacht hatte (siehe unten: „Vorgeschichte“).

„Ein moralischer Alleinvertretungsanspruch in Sachen Stolpersteine schadet der Sache“, sagt der frühere Kulturdezernent in Richtung Jordan. Er sehe bei diesem die Tendenz, andere ins Unrecht zu setzen. „Das bringt uns aber nicht weiter“, so Peter Rose zur WAZ.

Keine Hilfsbereitschaft

Rose spielt auch darauf an, dass Jordan der Stadt „mangelnde Unterstützung“ vorwirft. Anders „als 95 Prozent aller Städte mit Stolpersteinen“, so Jordans Kritik, sei Gelsenkirchen nicht bereit gewesen, bei der Verlegung am 22. Juni durch Aufnahme des Pflasters zu helfen.

Die Verwaltung weist die Vorwürfe zurück. Aus finanziellen und personellen Gründen könne das Verkehrsreferat nicht begleitend tätig werden. „Wir tun aber grundsätzlich unser Möglichstes, um dieses Projekt zu unterstützen“, betont Stadtsprecher Oliver Schäfer. So sei die Stadt bei der Suche nach geeigneten Verlegungsorten behilflich, beteilige sich regelmäßig durch detaillierte Recherchen des Instituts für Stadtgeschichte und stelle für Stolpersteine-Veranstaltungen Räume zur Verfügung.

Neben Rose üben auch andere frühere Unterstützer bzw. Fürsprecher wie Chajm Guski oder Heinz Niski - via Internet-Blog - Kritik an Jordan. Auch das Tischtuch zwischen dem Internet-Forum Gelsenkirchener Geschichten (GG) und dem einstmals sehr aktiven GGler Jordan ist zerschnitten. Wegen eines Streits um einen satirischen Beitrag eines Dritten hat sich Jordan von dem Internetforum (das eine nicht unwesentliche Rolle bei der Realisierung des Erinnerungsprojekts gespielt hat) verabschiedet. Was ihm den Vorwurf einbrachte, diesen Eklat provoziert und bewusst herbeigeführt zu haben.

„An den Haaren herbeigezogen“

Als „völlig an den Haaren herbeigezogen“ bezeichnet Andreas Jordan auf WAZ-Anfrage diesen und andere gegen ihn gerichteten Vorwürfe. Ihm gehe es allein um die Sache. Diese Botschaft sei ihm wichtig: „Wir werden das Projekt auch künftig gemeinsam mit Gunter Demnig realisieren.“

Am 22. Juni, wenn Gelsenzentrum die wegen des Frosts im Februar ausgefallene Verlegung von neun Stolpersteinen nachholt, wird anstelle Demnigs ein befreundeter Steinmetz die Arbeiten ausführen. Das sei mit Demnig, der am 22. Juni terminlich verhindert sei, so vereinbart worden, sagt Jordan. Bei weiteren Verlegungen werde dann wieder der Kölner Künstler in Gelsenkirchen zum Pflasterhammer greifen.

Die Vorgeschichte

Der Anstoß zur Verlegung von Stolpersteinen ist auf den persönlichen Einsatz von Andreas Jordan und seiner Frau Heike zurückzuführen. Doch wegen der öffentlichen Diskussion um die Vergangenheit Jordans (ihm wird vorgeworfen, früher Kontakte zur rechten Szene gehabt zu haben) drohte die Realisierung des Projekts Stolpersteine in Gelsenkirchen zunächst zu scheitern. Erst die Gründung eines Unterstützerkreises mit u.a. Ex-Kulturdezernent Peter Rose, Bernd Matzkowski (Grüne), Paul Erzkamp (Antifa/Falken) sowie Mitgliedern des Internetforums Gelsenkirchener Geschichten sorgte für den Durchbruch.

Dieser Kreis stellte sich demonstrativ hinter die Sache und trug damit dazu bei, dass Gunter Demnig im Juli 2009 nach umfassender Vorbereitung durch die Jordans bzw. Gelsenzentrum die ersten Steine verlegen konnte.