Schweigezug durch Gelsenkirchen mit klarer Botschaft

Mit einem Schweigemarsch zum Alten Jüdischen Friedhof an der Wanner Straße in Gelsenkirchen erinnern am Montag, dem Bürger, Politiker, Vertreter der Stadt Gelsenkirchen und der Jüdischen Gemeinde auf Einladung der Demokratischen Initiative an die Reichspogromnacht 1938.
Mit einem Schweigemarsch zum Alten Jüdischen Friedhof an der Wanner Straße in Gelsenkirchen erinnern am Montag, dem Bürger, Politiker, Vertreter der Stadt Gelsenkirchen und der Jüdischen Gemeinde auf Einladung der Demokratischen Initiative an die Reichspogromnacht 1938.
Foto: Funke Foto Services
Still machten sich 400 Teilnehmer auf den Weg, um an die Pogromnacht 1938 zu erinnern – und für Respekt, Toleranz und Zivilcourage einzustehen.

Gelsenkirchen.. Die „Moorsoldaten“, angestimmt von einem vielstimmigen, leisen, Chor im Nieselregen auf dem Alten Jüdischen Friedhof, dazu das Kaddisch als Trauergebet: Der 9. November klang wehmütig und dennoch verbindend aus. Die klare Ansage gab es zuvor – von Oberbürgermeister Frank Baranowski. Für Respekt, Toleranz und Zivilcourage, gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit bezog er, bezog die Demokratische Initiative klar Position Seit 1964 gedenkt Gelsenkirchen so der Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung in der Pogromnacht 1938. Über 400 Menschen, darunter viele junge Leute, machten sich Montag auf den Weg.

Vom Schalker Verein zum Friedhof

Dass Hass und Verfolgung auch 2015 ein Dauerthema bleiben, mache die Not der Flüchtlinge deutlich, betonte Baranowski . Ein großer Teil der Bevölkerung heiße die Asylbewerber freundlich willkommen, doch es gebe nach wie vor „viel zu viele Leute, die die Vergangenheit nicht verstanden haben und sich auch in der Gegenwart irren“. Zur Stunde der Kundgebung träfe sich in Dresden die Pegida-Demo, selbst ernannte Abendlandretter, die sich „selbst als Opfer bedauern, aber keinerlei Probleme damit haben, andere ohne jeden Respekt abzuwerten“.

Unter dem Dach der Demokratischen Initiative rufen christliche Kirchen, die Jüdische Gemeinde, Verbände, die Polizei, der Integrationsrat und die SPD jedes Jahr zur Teilnahme an der Kundgebung auf. Montag Abend setzte sich der Schweigezug am Gauß-Gymnasiums in Bewegung. Die Demonstration stand diesmal unter besonderen Vorzeichen. Im Vorfeld gab es Kritik und Erklärungsbedarf. Zunächst sollte der Schweigezug am Kriegerdenkmal des Schalker Vereins enden, nun führte er vorbei an dem jüngst umgesetzten Mahnmal, das in mehrfacher Hinsicht ein Zeugnis der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts sei, wie Historiker Prof. Wilfried Reininghaus in einer kurzen Einordnung klar machte: In der NS-Zeit wurde es in der Ästhetik der Zeit für Kriegstote des Ersten Weltkriegs geschaffen, wirke „unverhohlen revanchistisch“ und stehe nicht zuletzt dafür, dass sich die heutige Stadtgesellschaft auch selbstkritisch mit dem hinterlassenen Zeugnis ihre Geschichte stellen muss.

In der Nacht zum Montag hat es eine Farbattacke auf das Denkmal gegeben. Wer so agiere, verweigere sich dem Diskurs, doch der sei Teil der Demokratie, stellte Reininghaus fest. Dr. Stefan Goch, Leiter des Instituts für Stadtgeschichte, war morgens schon am Mahnmal, das erst in den letzten Tagen mit einer erläuternden Texttafel und einem Gedenkstein versehen worden war. Der Farbanschlag hat ihn nicht wirklich überrascht. „Dass die Leute das Denkmal nicht mögen, wissen wir. Das ist jetzt auch ein Kommentar, persönlich finde ich das nicht so schlimm. Aber Denkmal kann ja auch heißen: denk mal.“ Wesentlich ärgerlicher ist aus Gochs Sicht, dass die Stele mit dem eisernen Schwert, diejenigen „spaltet, die gegen Rechtsextremismus und Faschismus sind“.

Einige Teilnehmer verweigern Gang zum Denkmal

Für die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes ist das Mahnmal kein würdiger Erinnerungsort. Sie legten lieber eine Gedenkpause am Haus Wanner Straße 119 ein – der letzten Wohnadresse der verfolgten jüdischen Kaufmannsfamilie Schönenberg.

Für Kritiker ist das Denkmal ein „Nazi-Schwert“, das möglichst künstlerisch eine radikale Umdeutung erfahren müsse. Eine „Aktionsgruppe Kunst und Kampf“ hat dem nun in der Nacht zum 9. November vorgegriffen und bekennt sich im Netz zum Farbanschlag „auf ein faschistisches Denkmal“. Rund 30 Zugteilnehmer verweigerten abends aus Protest den Gang zum Denkmal.

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