Schlägerei in Gelsenkirchen könnte Selbstjustiz gewesen sein

Am und im Hauptbahnhof Gelsenkirchen ist es am Freitag zu mehreren Schlägereien gekommen. Hier ein Bild vom  Südausgang zur Neustadt (Bochumer Straße).
Am und im Hauptbahnhof Gelsenkirchen ist es am Freitag zu mehreren Schlägereien gekommen. Hier ein Bild vom Südausgang zur Neustadt (Bochumer Straße).
Foto: WAZ FotoPool
Vor den Vorfällen am Gelsenkirchener Hauptbahnhof sollen Flüchtlinge zwei junge Frauen belästigt haben. Die Stadt will zur Deeskalation beitragen.

Gelsenkirchen. Nach den Prügeleien am und im Gelsenkirchener Hauptbahnhof zwischen Mitgliedern libanesischer Großfamilien und Flüchtlingen hat die Polizei vier Tage danach keine „weiteren gesicherten Erkenntnisse vorliegen als die, die bislang veröffentlicht wurden“. Die Polizei Gelsenkirchen habe nun eine Ermittlungskommission eingerichtet. Damit bleiben die Hintergründe der Tat vorerst unklar.

Derweil erhebt Walid Saado, Mitglied des Gelsenkirchener Integrationsrates, Vorwürfe – auch in Richtung der Gelsenkirchener Polizei: Den Sicherheitskräften wirft Saado in einem Schreiben an die WAZ-Redaktion vor, aufgrund „vergangener Einsätze gegen Libanesen“ den Hintergrund der Auseinandersetzung zu verschweigen, „damit diese weiterhin in negative Schlagzeilen geraten“. Und weiter: „Die vermeintlichen Opfer, also die syrischen Flüchtlinge, haben zuvor zwei junge, 15-jährige Mädchen bedrängt, genötigt und wollten sie gegen ihren Willen dazu bringen, mit ihnen zu gehen. Dies haben die libanesischen Männer erkannt und verhinderten dies!“

Beschwerden bislang ungehört geblieben

Saado will dies beim gemeinsamen Fastenbrechen in einem neuen libanesischen Geschäft in der Innenstadt am späten Freitagabend davon erfahren haben.

Walid Saado räumt in dem Schreiben ein, das er auch an die hiesige Polizei und Mustafa Cetinkaya, Stabstellenleiter des Kommunales Integrationszentrum geschickt habe, die Möglichkeit ein, dass „nicht ganz richtig gehandelt wurde“, er betont aber zugleich: „immerhin wurde gehandelt und nicht weg gesehen“.

Seiner Darstellung zur Folge seien junge Frauen durch syrische Flüchtlinge schon häufiger belästigt worden, „Beschwerden dreier libanesischer Familien“, die er im Integrationsrat mündlich eingebracht habe, bislang ungehört geblieben.

Wobei: In solchen Fällen ist die Polizei der richtige Ansprechpartner.

"Selbstjustiz ist nicht hinnehmbar"

Das betont auch die Verwaltung. Stadtsprecher Oliver Schäfer: „Im Integrationsrat ist das Thema nicht angesprochen worden. Es hat ein Vorgespräch von Herrn Saado mit der Ausschussvorsitzenden des Integrationsrats gegeben. Insofern hat Herr Saado Recht, dass er die Problematik angesprochen hat. Zu einer Befassung des Integrationsrates ist es aber bisher nicht gekommen.“

Ohnehin sei die Stadt ja bereits tätig gewesen und habe mit jedem Flüchtling in den größeren Unterkünften Gefährderansprachen durchgeführt, so Schäfer weiter. „Dabei wird nicht nach Nationalität unterschieden. Es wurde deutlich gemacht, dass sexuelle Übergriffe strafrechtlich verfolgt werden. Bei allem Verständnis für das Aufgebrachtsein des Vaters, Selbstjustiz ist nicht hinnehmbar und auch kein Weg. Sexuelle Übergriffe müssen bei der Polizei angezeigt werden. Meiner Kenntnis nach werden hinter den Kulissen bereits intensive Gespräche geführt, die zur Deeskalation beitragen sollen.“

Als Drohung aufgefasst

Zur Erinnerung: Der Name Walid Saado tauchte zuletzt in einem internen Polizeibericht auf. Darin ist von Gewaltexzessen bestens vernetzter Clans kurdisch-libanesischer Herkunft in Gelsenkirchen die Rede. Saado und der Pressesprecher der in dem Zusammenhang ebenfalls genannten Familien Union mit Sitz in Essen, Ibrahim Fahkro, hätten davon gesprochen, dass die Polizei „einen Krieg mit den Libanesen nicht gewinnen“ werde, weil sie zu viele seien. Die Polizei fasste das als Drohung auf.

Stabstellenleiter Mustafa Cetinkaya bestätigte den Eingang des Schreibens Saados und verwies auf die eingesetzte Ermittlungskommission der Gelsenkirchener Polizeibehörde: „Die wird nun arbeiten und ihre Ergebnisse veröffentlichen.“

 
 

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