Rund um die Herzogstraße gab es einst einfach alles

Die Tage der Sparkassenfiliale an der Wilhelminenstraße sind gezählt, ebenso die der Traditionsfleischerei Lux. An der Herzogstraße um die Ecke sind die meisten Einzelhändler schon länger weg.
Die Tage der Sparkassenfiliale an der Wilhelminenstraße sind gezählt, ebenso die der Traditionsfleischerei Lux. An der Herzogstraße um die Ecke sind die meisten Einzelhändler schon länger weg.
Foto: Foto: Martin Möller / Funke Fot
Zwischen Schürenkamp und Wilhelmine Viktoria gab es einst alles für den täglichen Bedarf. Vieles hat sich im Viertel geändert – gemischt ist es geblieben.

Gelsenkirchen. Im Schatten des Schürenkamp, im Heßler zugewandten Teil von Schalke, verbindet die Herzogstraße die Gewerken- mit der Wilhelminenstraße. Hier war noch vor 30 Jahren, nach dem Aus für die Zechen, das Einkaufsviertel des Quartiers. Apotheke, Bäckerei Kabuth, Obst- und Gemüse Graf, Drogeriemarkt, Metzgerei, Änderungsschneider – davon träumen Bewohner hier heute nur noch.

Sportwetten, Gastronomie-Großhandel, ein türkischer Bäcker, eine Versicherungsagentur und ein Mini-Markt. Das wars. Abgesehen von der Bude an der Ecke. Die gab es schon immer. Und auch wenn mancher Anwohner klagt, dass hier neuerdings so viele Biertrinkende rumstehen – eigentlich war das schon immer so.

Jeden Morgen auf einen Kaffee

Außerdem wird hier nicht nur Bier getrunken. Mehmed Akkaya etwa kommt jeden Morgen vorbei, um hier seinen Kaffee zu trinken. Ums Eck an der Grillostraße sitzt klönend ein Grüppchen auf Plastikstühlen. Und schimpft. Dass die Gewalt im Viertel zunehme, alles immer schmutziger werde. „Überall wird Müll abgeladen“, klagt Bianca Jan.

Ein paar Meter weiter, neben dem ehemaligen Hundesalon, hat Angelika Koster (58) gerade Besuch von ihrem Sohn Kevin, ihrer Schwiegertochter Lena und dem Enkelchen Luca (ein Monat). Sie sitzt am offenen Fenster im Erdgeschoss. Die Kinder stehen mit dem Kinderwagen draußen, das Baby schläft. Angelika Koster lebt seit über 30 Jahren hier, ihr Sohn ist hier geboren, lebt mit Frau und Kind zwei Straßen weiter. Sie finde es traurig, was aus dem Viertel geworden sei, stöhnt die frisch gebackene Oma. „Dass jetzt auch noch die Fleischerei Lux und die Sparkassenfiliale (um die Ecke an der Wilhelminenstraße, die Redaktion) schließen, ist schlimm“, klagt der junge Vater (22). Trotzdem wollen er und seine Frau hier wohnen bleiben: „Ich lebe doch schon immer hier.“ Ähnlich geht es den beiden alten Damen an der Bushaltestelle des 383ers. Auch sie haben ihr Leben hier verbracht. „Wenn die schließen, können wir das nicht ändern. Dabei gehört der Sparkasse sogar das Haus! Und wo sollen wir denn hin?“

Auf der Wilhelminenstraße gibt es zwischen Herzogstraße und In der Heide noch einen Zeitschriftenladen, eine Bäckerei mit Café, Kiosk und Imbiss. In der Heide residiert der Hausarzt des Viertels (und einzige Arzt in Fußweite). Ein Guter, der auch abends noch zum Patienten kommt, wenn nötig. Entsprechend voll ist die Praxis.

Halsbrecherische Schlaglöcher

Doch zurück zur Wilhelminenstraße. Die Renovierung 2015 endete am Schürenkamp. Ab hier ruckeln Bus, Autos und Fahrräder weiterhin über halsbrecherische Schlaglöcher Richtung Heßler, wo heute das Einkaufsmekka Supermarkt steht. Kurz nach der „Heide“ rücken auf der rechten Seite die Häuser zurück. Ein maurisch anmutender Komplex voller Balkone; die Vittinghof-Siedlung.

Unten rechts war der Schuster Lohmann, neben anderen Geschäften. Doch der Vittinghof war einst verrufen. Heute ist er optisch ein Schmuckstück. Im satt-grünen Innenhof steht Therese Große (87) auf ihrem Balkon im zweiten Stock und gießt die Geranien. „Ich lebe seit 1950 hier mit meinem Mann. Es kommt halt drauf an, wo man wohnt. Hier ist es doch schön!“ strahlt sie vom Balkon herunter. Unübersehbar: Sie lebt gern hier. Aber warum ist der schmucke Spielplatz verwaist, wo nebenan, links die Grillostraße hinunter, Kinder an der Straße spielen?

Am Ende, an der Tannenbergstraße, gibt es schon lange kein Geschäft mehr. Wo einst die Kremers-Zwillinge wohnten und viele Polizisten, leben heute viele EU-Zuwanderer. Im Ex-Gemeindehaus proben Ballettschüler, in die Neuapostolische Kirche sind Baptisten eingezogen. Rechts die Tannenberg- und wieder rechts die Gewerkenstraße herunter werden die Häuser zunehmend gepflegter – bis zur Ecke Herzogstraße. Das Quartier war und bleibt – gemischt.

 
 

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