Rheinelbe-Park war lange dem ‘Zechenadel’ vorbehalten

Der Glückauf-Keller an der Ecke Leithestraße/ Halfmannsweg war DER Treffpunkt im Viertel. Thomas Bier (58) und Jochen Kupfer (61), beide im Stadtteil fest verwurzelt, halfen beim „2000-Meter“-Spaziergang beim Erinnern.
Der Glückauf-Keller an der Ecke Leithestraße/ Halfmannsweg war DER Treffpunkt im Viertel. Thomas Bier (58) und Jochen Kupfer (61), beide im Stadtteil fest verwurzelt, halfen beim „2000-Meter“-Spaziergang beim Erinnern.
Foto: Martin Möller
Die Leithestraße wird bis heute geprägt durch Bauten der damaligen Zeche Rheinelbe. 2000 Meter Spaziergang zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Gelsenkirchen.  Viele der schmucken alten Häuser aus den Glanzzeiten des Bergbaus zieren noch heute den Kiez Leithestraße, beginnend am Dreieck Rheinelbe-/Virchow-/Leithestraße mit dem schmucken Schlößchen in der Kurve. Dennoch ist hier alles anders als noch vor 50 Jahren. Rechter Hand lädt der prachtvoll gewachsene Rheinelbe-Park heute jedermann zum Herbstspaziergang.

Das war noch in den 50er Jahren anders, erinnern Thomas Bier (58), der hier aufgewachsen ist und ebenso wie sein Vater für den Bergbau arbeitete, und Jochen Kupfer (61), dessen Mutter in der Villa am Parkrand aufgewachsen war.

Hohe Mauern schlossen damals Normalsterbliche aus dem Park aus. Der ursprüngliche Park gehörte zur Villa von Emil Kirdorf, ein weiterer Teil war leitenden Mitarbeitern der Gelsenkirchener Bergwerks AG vorbehalten. Eigener Tennisplatz, ein kleiner Teich, so viel Platz, dass die Herren darin sogar der Jagdlust frönen konnten – man ließ es sich gut gehen. Heute sorgt der trotz der Einbrüche durch Pfingststurm Ela immer noch atemberaubende Baumbestand für gute Luft im Stadtteil.

Internationale Bauaustellung rettete die ehemalige Maschinenhalle

In die Zechengebäude auf der dem Park gegenüberliegenden Straßenseite zog zunächst die Gelsenkirchener Bergwerks AG mit ihrer Verwaltung ein. Auch sie pflegte Privilegien für ihre Mitarbeiter. Die Bücherei etwa in dem Gebäude, das heute die Ruhr-Triennale beherbergt, stand immerhin allen Mitarbeitern offen, nicht nur den leitenden. In der ehemaligen Maschinenhalle von Rheinelbe ist heute das Tagungshotel „Lichthof“ des Bau- und Liegenschaftsbetriebs NRW untergebracht. Alles ist gepflegt und vorbildlich restauriert. Ein Verdienst der IBA, der Internationalen Bauausstellung, weiß Thomas Bier. Der IBA-Chef Prof. Karl Ganser residierte hier, steuerte von hier aus den Umbau der Region. Das Pflaster auf den Wegen ist noch Kopfstein, original.

Von der Glückauf-Brauerei gibt es heute keine Spuren mehr

Zurück auf der Leithestraße, hinter den historischen Gebäuden der Bergbauverwaltung, weicht die Bebauung zurück. Zurückgesetzt hinter einem Parkplatz stehen die nüchternen Gebäude, in denen „Amevida“ residiert. In Kürze zieht ein weiteres Call-Center ein.

Weiter in Richtung Wattenscheid passieren wir das Cura-Seniorenheim. Auf diesem Grundstück wurde von 1887 bis 1980 Bier gebraut: Glückauf Bier. Wie sonst sollte eine Brauerei heißen, die quasi von Zechen eingekesselt war.

Apropos Brauerei: „Der große Kupferkessel war von der Straße aus gut sichtbar“, erklärt Thomas Bier. Er erinnert sich auch noch an das Donnern der rollenden Fässer in seiner Kindheit, meist morgens um sechs.

Die letzten Bewohner der prächtigen Direktorenvilla, die der Gelsenkirchener Architekt Josef Franke entworfen hatte, kannte Jochen Kupfer gut. Mit den drei Söhnen des Vorstandsvorsitzenden Dr. Karl Wienke ging er zur Schule. Vom Schulweg zur Grundschule Stephanstraße haben sich ihm vor allem die vom Gussstahlwerk geschwärzten Mauern tief eingeprägt. Von der Brauerei ist Jochen Kupfer das überdachte Schwimmbad hinter der Villa in bester Erinnerung: gespeist vom Kühlwasser der Brauerei und wohlige 32 Grad warm.

Schräg gegenüber jenseits der Straße schlummert die Idylle 

Schräg gegenüber dem ehemaligen Brauereigelände, an das heute nichts mehr erinnert, führt eine Stichstraße der Leithestraße an alten Steiger- und Direktorenhäusern entlang, vorbei am Neubau einer Kita für U3-Betreuung. Was von der Straße aus nicht zu erkennen ist: Die schmucken Doppelhäuser linker Hand mit ihren stilechten Sprossenfenstern und Gauben sind im Kreis um eine große gemeinsame Grünfläche mit traumhaftem Baumbestand gruppiert. Idylle pur. Die Zeit scheint still zu stehen.

Zurück auf der Leithestraße nähern wir uns dem ehemaligen Glückauf-Keller. DEM Treffpunkt des Stadtteils; der Bergleute wie der Künstler vom Halfmannshof, die hier rauschende und berauschte Feste feierten. Legendär der Kikeriki-Karneval des Fördervereins. Doch das Ende der Brauerei überstand langfristig auch die Kultgaststätte nicht. Nach dem Ende des Glückauf-Kellers übernahm ein Steakhaus. Doch auch das hat längst geschlossen. Das gut renoviert wirkende Haus mit seinem üppigen Festsaal im Erdgeschoss steht leer. Es war der einzige Treffpunkt im Viertel. Die einzige Einkaufsmöglichkeit bietet heute eine Trinkhalle. An einen Konsum, Bäcker oder Metzger hier können sich beide Stadtteilexperten nicht erinnern.

Kunst, Gewerbe, Wohnen und viel Grün – an der Leithestraße ist alles vereint

Den nüchternen Mehrfamilienhäusern auf der rechten und Schrebergärten auf der linken Seite folgen Backsteinbauten der Zeche. Genutzt werden sie heute als Kunststation Rheinelbe von Marion und Bernd Mauß, aber auch für Gewerbebetriebe wie den von Werner Karasch, zu dem Oldtimer-Liebhaber aus der ganzen Republik pilgern.

Gegenüber zieht sich die Mehrfamilienhausfront mit üppigem Grün im Hinterland Richtung Wattenscheid hin. Die Holzbaracken, in denen einst auch ein Arzt praktizierte, sind längst abgerissen. Die Leithestraße endet an einer schmalen, einspurigen Brücke mit Ampelbetrieb. Eine Stadtgrenze, die wie aus der Zeit gefallen wirkt.

 
 

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