Red Hot Chili Peppers liefern Rock im Pott die perfekte Würze

Höchsteinsatz in der Arena: Headliner des Abends war die kalifornische Funkrock- und Alternative-Rockband Red Hot Chili Peppers mit Sänger Anthony Kiedis.
Höchsteinsatz in der Arena: Headliner des Abends war die kalifornische Funkrock- und Alternative-Rockband Red Hot Chili Peppers mit Sänger Anthony Kiedis.
Foto: Ilja Höpping / WAZ FotoPool
Fünf hochklassige Bands, gut 40 000 Besucher, eine reibungslose Organisation in und vor der Arena und ein Sound, der sich (fast immer) hören lassen konnte und sicher unüberhörbar war: Die Premiere des Festivals Rock im Pott in der Veltins Arena fiel samstag rundum gelungen aus.

Gelsenkirchen. 23.20 Uhr, Licht an, Sond aus. Unterm Förderturm auf den riesigen Bühnenbannern vor der Südtribüne in der Veltins Arena ist Schicht im Schacht. Rock im Pott ist zu Ende, die Premiere gelungen.

Die Red Hot Chili Peppers haben nach gut sieben Stunden Festival-Musik nonstop für ein furioses Finale gesorgt. Ihr hingehämmertes „Give it away“, die dritte Zugabe nach gut 100 Minuten Spielzeit, klingt noch nach – und Bassist Flea, aufgedreht wie ein Batterie-Häschen, gibt 40 000 Besuchern noch ein paar Botschaften mit auf den Heimweg, während Drummer Chad Smith seine Schlagzeug-Stöcke ins Volk zwirbelt.

Ausklang einer riesigen Show, die wie ein Pott-Pourri angerichtet wurde. Ein gewaltiger Kessel Buntes, gefüllt mit Deutsch-Rock, HipHop, Funk und Alternativ, Newcomern und Altstars. Und wären noch die Ober-Ränge im Arena-Rund ohne größere Besucher-Lücken geblieben, wäre es der perfekte Konzerttag gewesen. Der begann früh. Und pünktlich.

„Wir haben noch nie in so einer Halle gespielt“

15.05 Uhr. Das „K“ im Bühnenhintergrund vor weiß-rotem Tuch blinkt grell gegen die Helligkeit an, die Sonne strahlt aufs Arena Dach, Ränge und Innenraum füllen sich gerade erst. Keine idealen Startbedingungen. Doch Kraftklub, die Chartstürmer aus dem tiefen Osten (manche meinen aus Chemnitz, sie sagen aus Karl-Marx-Stadt) geben in weißen Polo-Shirts und roten Hosenträgern Gas. Und bald gibt es zumindest vor der Bühne kein Halten mehr.

Da wird gepogt, gehüpft, gesprungen. „Ich will nicht nach Berlin“, die Rock-Ode an die Provinz, „Songs für Liam“, „Randale“. Es geht Schlag auf Schlag. Zwischendurch kann es Sänger Felix Brummer kaum fassen, wie ihm die Massen folgen. „Wir haben noch nie vor annähernd so vielen Menschen gespielt wie hier sind, wir haben noch nie in so einer Halle gespielt“, gesteht er.

Und: „Als wir heute morgen angekommen sind, kamen wir uns vor wie die Gewinner von so einem regionalen Wettbewerb.“ Die Zeiten sind vorbei. Die Jungs sind vom Erfolg geküsst. Was sie sich sparen, ist „Kein Liebeslied“. Dafür gibt’s „Scheissindidisco“. Passt wohl besser zum Anlass.

75 Minuten später. Ein paar Jungs spielen Cowboys und Indianer. The Bosshoss sind da für ihren wilden Ritt. Das Bild hat sich gründlich gewandelt. Zwei Schlagwerker arbeiten sich prächtig auf der Bühne ab, ein gehörnter Cadillac gibt den Hintergrund, eine Nebelmaschine nebelt. Stetsons, Tattoos und schwere Ringe, US-Akzent, satte Riffs, fette Bässe, Mundharmonika und Waschbrett – all das gehört zu Boss Burns und Hoss Power wie die manchmal arg strapazierte Western-Attitüde.

Aus Berlin, Mississippi, in die Arena an die Emscher hat es die Jungs verschlagen. Hier stauben sie einmal mächtig durch. Im Schlepptau drei formidable Bläser in Mexikaner-Kluft, die „Sexy Mexis“.

Das rockige Rodeo beginnt mit „Last Day“, geht weiter mit Knallern wie „Stallion Battalion“, „Run Run Devil“ und endet schließlich in einer Bierdusche von der Snare Drum und mit einem wildgewordenen Hoss Power am Banjo. Ho, Ho, Yippijajeihhh. Die Party geht weiter. Und zwar mit Jan Delay & Disco No. 1.

Bei „Feuer“ brennt es zwischen den Wellenbrechern 

Die Formation ist kleidungsmäßig an diesem Tag ganz weit vorne: Bonbonbunte Anzüge für die Band, drei stimmgewaltige Background-Sängerinnen im Glitzerfummel, der Chef selbst im mintfarbenen Anzug, mit obligatorischem Hütchen, Sonnenbrille, Kinnbart und in Spiellaune.

„Türlich, türlich“ geht’s mächtig los. Delay, der Zeremonienmeister des Funk, probt mit der Meute den „Arschdreher“, übt sich in Revier-Fußball-Frotzelei (und siehe da, auf die Frage ob Dortmund-Fans im Saal sind, gehen mehr Hände in die Höhe als bei der Schalker Gegenprobe) und erweist sich als Ausdauer-Tänzer mit exquisiter Beinarbeit. Delay wirbelt über die Bühne, dirigiert die Band, stimuliert die Fans.

Am Mischpult leisten die Techniker (wie fast durchgehend bei Rock im Pott) herausragende Arbeit. Und so kommen „Everybody Rock Your Body“ oder Disco“ mächtig druckvoll über, Rio Reisers „Für dich“ tönt grandios gefühlig und „Oh Jonny“ voll fett. Bei „Feuer“ brennt es zwischen den Wellenbrechern im Innenraum stimmungsmäßig lichterloh und spätestens mit „Wir machen das klar“ gibt sich Delay selbst die Bestätigung: „Wir haben dieses Stadion gerockt.“ Stimmt!

19.25 Uhr. Umschalten auf Placebo. Die Monitore über der Bühne kommen zum Einsatz – und Brian Molko in schwarzem Hemd, schwarzer Hose und mit schwerem Lidschatten. Es ist Zeit für eine gehörige Portion Bombast-Melancholie. Mit Bassist Stefan Olsdal und der Band zieht Molko einen üppigen Klangteppich in die Arena, der manchmal fast die Bewegung der Fans bremst. Die Hit-Dichte ist extrem hoch, die Sanges-Unterstützung riesig.

Natürlich sind „Battle for the Sun“, „Every you every me“, „Got no lover“, „Bright Lights“ oder „Song to say goodbye“ dabei. Mit „Bitter End“ leitet Molko das Finale ein – in einer Lautstärke hart an der Schmerzgrenze.

„By the Way“ wirkt wie ein musikalisches Abrisskommando 

Auf wen die meisten Besucher danach warten, zeigen zahllose T-Shirts in der Arena: Die Peppers-Träger sind klar in der Mehrzahl. „RHCP 83“ ist an diesem Abend in allen Konfektionsgrößen zu sehen. Doch zunächst wird etwas größer umgebaut. Für die Amerikaner darf es an diesem Abend alles ein bisschen mehr Marke XXL sein: Die Bühne wird erweitert, die Video-Schirme füllen die Rückwand, Licht- und Show-Effekte werden hochgefahren. Punkt 21.30 Uhr ist es Zeit für Klanggewitter, für Bassläufe wie Bauchschläge. Flea leistet ganze Arbeit.

Bald haben er und Kiedis obenrum blank gezogen – zwei Rock-Malocher im schweißtreibenden Höchsteinsatz, mit fragwürdigen Dreiviertel-Hosen und wildem Tanzrhythmus.

Vom Album „Im with you“ wird ein halbes Dutzend Songs serviert. Und zwar in Bestform. „The Adventures of Rain Dance Maggie“ sezieren die Peppers mit der Gitarre, „By the Way“ wirkt wie ein musikalisches Abrisskommando. Doch die Band bietet auch die großen Gemeinschaftsmomente: Bei „Under the Bridge“ singen 40 000 Menschen mit, bei „Californication“, hinterlegt mit einer knallbunten Comicwelt, setzt der selige Massenchor wieder ein.

Das Ende naht. Und Bassist Flea steht Kopf. Auf den Händen läuft er über die Bühne, Kiedis klettert dazu auf einen Boxenturm. Der Pott kocht. Und die Red Hot Chili Peppers haben die letzte Würze geliefert.

 
 

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