Prominente stellen ihr Lieblingsbild vor

Das Gemälde „La poubelle“ von Klaus Ritterbusch aus dem Jahre 1991 in Kunstmuseum Gelsenkirchen.
Das Gemälde „La poubelle“ von Klaus Ritterbusch aus dem Jahre 1991 in Kunstmuseum Gelsenkirchen.
Foto: Funke Foto Services
Michael Schulz, Intendant des Musiktheaters im Revier Gelsenkirchen, favorisiert Ritterbuschs „La poubelle“.

Gelsenkirchen.. Das Kunstmuseum beherbergt jede Menge hochkarätige Schätze. In einer neuen Serie fragen wir prominente Gelsenkirchener nach ihrem Lieblingsbild. Als erstes stellt Michael Schulz, Generalintendant des Musiktheaters im Revier, seinen Favoriten vor:

Nicht allein DAS Lieblingsbild

„Das Kunstmuseum Gelsenkirchen mit seiner zurückhaltenden, aber überraschend feinen Sammlung an Kunstwerken jenseits des Kernthemas Kinetik, bietet nicht allein DAS Lieblingsbild in seiner Ausstellung, sondern es finden sich gleich mehrere. Deshalb geht die Wahl meines Lieblingsbildes über den Weg der anderen Lieblinge als kleine Entdeckungsreise. An Anton Stankowski und seiner grafischen Form- und Farbsprache kommt man ohnehin nicht vorbei.

Ebenso könnten Ingo Glass´ „Gleichgewicht“ , perfekt in Form, Farbe und Material, sowie Marcel Floris´ „Cubiplano IV“ als perspektivisch verwirrendes Spiel aus Licht, Schatten, Linien und Räumlichkeit ein Lieblingsbild sein. Sicherlich käme auch Arnulf Rainers fast schon obszönes Farbrelief ohne Titel oder die Naturbilder von Mario Reis in die engere Auswahl. Auf jeden Fall ist „Komposition A-17“ vom Laszlo Moholy-Nagy ein absolutes Lieblingsbild. Dessen Form, Farbe, Geometrie und Komposition, sowie das Leinwandmaterial erlangen eine Eleganz, Tiefe und Ebenmäßigkeit und verlieren gleichzeitig, im unteren rechten Drittel des Bildes platziert, aufregend, schön und beunruhigend das Gleichgewicht - Ästhetik des Bauhauses, die bis heute unsere Designwelt prägt.

Kraftvoll und erschreckend

Obwohl alle bisher „geliebten“ Bilder abstrakt sind, und ich natürlich auch an Liebermann, Heckel, Rohlfs und den vielen anderen nicht vorbei gehen kann, ohne stehen zu bleiben, lande ich schließlich immer wieder bei einem, für mich geradezu ungeheuerlichen Bild, nämlich „La poubelle“ von Klaus Ritterbusch von 1991.

Dieses Bild, welches ich schon an unterschiedlichen Orten im Museum habe hängen sehen, ist für mich beeindruckend kraftvoll, unergründlich und auch erschreckend. „La poubelle“ (frz. für Papierkorb oder Mülleimer) wird gleichnishaft vom Künstler ins Monströse übersteigert. Er setzt eine Müllverbrennungsanlage dramatisch in Szene. Sicherlich spricht mich die Theatralik des Raumes als Theatermann besonders an: die Science-fiction-Assoziation, die Mischung aus neoklassizistischer und funktionaler Architektur, der wie Blut über die gräulichen Mauern sickernde oder aus dem Hintergrund in den Schacht kriechende Müll, die Vertikalen und Horizontalen, die das Bild gliedern und den Blick auf unheimliche, angedeutete Abfälle unserer Wohlstandsgesellschaft lenken, in denen eine andere Welt abgerissen zu sein scheint.

Der Mensch hat sich abgeschafft

Eine faszinierende räumliche Tiefe, Größe und Kälte der Architektur, eine pragmatische Ausleuchtung der Halle in Natriumdampf, gleichzeitig als unheimliche Lichtführung des Kunstwerkes selber, schaffen Emotionen beim Betrachten dieser gefühllosen Funktionswelt. Im Dunkel der Decke und des Hintergrundes könnte etwas lauern.

Erst jetzt bemerke ich, dass es nichts Lebendiges in diesem Bild gibt - kein Lebewesen, kein Mensch ist zu sehen. Obwohl der Mensch diese Gebilde erdacht, entworfen, gebaut und schließlich auch durch Maschinen bedient hat, ist er selber nicht anwesend. Er scheint sich abgeschafft zu haben, indem er seine Arbeit, sein Leben perfektionierte. Das Funktionsgebäude ist nur noch für sich selbst da und wird zu einem eigenständigen Organismus, der Arbeit, Geist und Individuum überflüssig macht. In der stilisierten Überhöhung zum unwirtlichen Müllbeseitigungspalast, ermahnt Ritterbusch uns, dass wir in den „Effektivitätskathedralen“ unseres bequemen Lebens uns selbst gefährden. Er weist darauf hin, dass wir Verantwortung für unseren sehnsuchtsvollen Fortschritt übernehmen und immer noch lernen müssen, dass es nichts Abstraktes, Andersartiges oder Fremdes gibt, dass wir nicht selber sind, sondern dass wir uns unsere Realität selbst erschaffen haben und somit längst zum Schöpfer unserer eigenen Genesis wurden. „La poubelle“ als geistloser und lebensferner Raum einer Gesellschaft des 21.Jahrhunderts, die sich dazu aufgeschwungen hat, Gott zu spielen? Auf jeden Fall ein faszinierendes Kunstwerk und mein derzeitiges Lieblingsbild im Kunstmuseum Gelsenkirchen.“

 
 

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