Plötzlich ist der Tod ein Thema

Kinder einer Trauergruppe des Instituts Lavia haben unter anderem Regenbogenbilder angefertigt. Ihre Werke wurden im April 2013 im Musiktheater im Revier ausgestellt.
Kinder einer Trauergruppe des Instituts Lavia haben unter anderem Regenbogenbilder angefertigt. Ihre Werke wurden im April 2013 im Musiktheater im Revier ausgestellt.
Foto: WAZ FotoPool
Als Ute Drinkmanns Mann starb, war ihr Sohn neun Jahre alt. Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper und die Kindertrauergruppe haben ihm und damit auch seiner Mutter geholfen. Anfang 2014 kam der nächste seelische Einschlag ...

Gelsenkirchen.. Als sein Vater vor vier Jahren starb, da war David gerade mal neun Jahre alt. Und am Boden zerstört. „Mit mir hat er in der ersten Zeit nach dem Tod meines Mannes überhaupt nicht geredet. Ich war die Schuldige, weil ich seinen Papa ins Krankenhaus gebracht habe“, blickt Ute Drinkmann auf diesen emotionalen Tiefpunkt in ihrem Leben zurück. Warum sie in den Augen des Jungen schuldig war, erklärt sie mit dem Verlust von Opa und Oma, ihren Eltern. Beide waren im Krankenhaus gestorben. David kombinierte: Krankenhaus gleich Tod.

Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper war auf Vermittlung einer Gemeindereferentin unmittelbar nach dem Tod des 45-jährigen Familienvaters zur Stelle, bot der Witwe und ihrem Sohn Hilfe an. Mit ihr redete David schließlich – und besuchte fast vier Jahre lang die Kinder-Trauergruppe des Förderveins von Lavia, dem Institut für Familien-Trauerbegleitung.

Und heute, alles gut? Ganz im Gegenteil . . .

Die Sorge, in ein Heim zu müssen

Der nächste seelische Einschlag kam Anfang 2014. Bei Ute Drinkmann wurde Brustkrebs diagnostiziert. „Machen Sie sich keine Sorgen, das kriegen wir in den Griff“, hat man ihr zunächst glaubhaft versichert. Es folgten weitergehende Untersuchungen – und machten jede Zuversicht zunichte. Der Tumor in der Brust hatte bereits massiv gestreut. Metastasen wurden in Lunge und Leber, in Teilen der Knochen, eine im Kopf entdeckt. Die 45-Jährige, die sich bis dahin topfit gefühlt und gern im ambulanten Pflegedienst gearbeitet hatte, musste ihrem inzwischen 13-jährigen Jungen die Wahrheit sagen. „Das war ganz schlimm“, erinnert sie sich. Wieder drohte David, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Und wieder war Mechthild Schroeter-Rupieper zur Stelle. Behutsam erforschten beide Frauen – die professionelle Trauerbegleiterin und die besorgte Mutter –, was David am meisten quälte. Und das war die Vorstellung: „Wenn Mama stirbt, muss ich ins Heim.“ Muss er nicht. Das ist geklärt. Er würde zu seinem Patenonkel, dem Bruder von Ute Drinkmann ziehen. David durfte sich selbst aussuchen, wo er leben möchte, wenn . . .

Durchhängephasen kamen in der ersten Zeit häufiger vor

Ja, wenn . . . Ute Drinkmann sagt, sie habe über den Tod nachgedacht, sich gefragt, ob man das merke, ob das Sterben qualvoll sei? „Aber wenn man sich gut fühlt, denkt man eher nicht an den Tod“, sagt sie. „Der Tod trifft einen ja überall.“ Sie möchte auch nicht über ihre Beerdigung nachdenken, wie manche es tun, die zu Lebzeiten genau festlegen, wie sie sich den eigenen Abschied wünschen. Für die kranke Frau dreht sich alles um David. „Ich denke an alles, was für ihn wichtig ist.“ Und sie kämpft. „Mein erklärtes Ziel ist: Ich muss 50 werden, dann ist David 18 Jahre alt.“

Durchhängephasen? „Ja, die gibt es. Anfangs kam das häufiger vor.“ Ob Ute Drinkmann an Gott glaubt? Die 45-Jährige sagt’s gerade heraus: „Als mein Mann gestorben ist, da war ich richtig sauer auf den. Aber wir haben so viel durchgemacht und überstanden, da hat er sich für uns wohl diese neue Prüfung ausgedacht . . .“ Ein Lächeln huscht um ihre Mundwinkel. „Weil wir stark sind.“

Das betroffene Umfeld ist emotional zu nah dran

In ihrer Situation erkenne man wahre Freunde, die bedingungslos hinter einem stehen, sagt sie, die erwartet, „dass die Leute normal mit mir umgehen. Traurig sein können die immer noch, wenn es zu Ende geht.“ Obwohl es anfangs schwer fiel, Hilfe anzunehmen oder gar darum zu bitten, tut sie es heute.

Beim Thema Hilfe kommt sie wieder auf die Trauerbegleitung von Lavia zurück. „Das ist sehr wichtig, weil es ganz viel zu besprechen und zu klären gibt. Der Trauerverein ist die beste Adresse für uns.“ Das betroffene Umfeld, sagt Ute Drinkmann, sei emotional zu nah dran.

Lavia habe ihren David stark gemacht. „Er trägt sein Schicksal tapfer, ist auch fröhlich. Ich bin mir ganz sicher: David schafft das“, sagt Ute Drinkmann. Sie muss nicht erklären, was er schaffen wird . . .

Behutsame Gespräche in der Schule über Traurigkeit

„Der Trauerverein ist die beste Adresse für uns“: Damit bringt Ute Drinkmann die Bedeutung der Trau-erbegleitung im Gespräch mit der WAZ auf den Punkt.

„Wir machen David stark“, sagt Mechthild Schroeter-Rupieper. Dazu gehört(e) im speziellen Fall auch, dass sie unter anderem Davids Klasse in der Ev. Gesamtschule Bismarck und die Pfadfinder besucht hat, um mit den jungen Menschen über Traurigkeit zu sprechen. Und dabei behutsam Verständnis für die Lebenssituation eines Teenagers aus ihrer Mitte geweckt hat, ohne ihn allerdings zu outen. Die Gespräche kamen dann von selbst in Gang.

„Kinder schützen in der Regel ihre Eltern. Da ist es schon gut, wenn David zu seiner Mutter auch sagen kann: ,Ich weiß nicht, wie es ohne dich weiter gehen soll’,“ erzählt die Trauerbegleiterin. Die kranke Mutter selbst sieht die Erfolge der Unterstützung im Alltag. Jüngstes Beispiel: David hat trotz seiner Angst, genau dann, wenn er nicht da ist, könnte Mama etwas zustoßen, losgelassen, ist in die Jugendferienfreizeit gefahren. „Ich bin so stolz auf ihn, dass er das geschafft hat“, betont Ute Drinkmann. Weil es auch ein Stück Normalität ist, etwas, was dem Jungen gut tut.

Finanzierung durch Spenden

106 Kinder und Jugendliche aus Gelsenkirchen und anderen Städten des Ruhrgebiets unterstützt der Förderverein Trauerbegleitung e. V. aktuell in den Lavia-Trauergruppen, dazu Einzelne oder Familien in akuten Situationen. Wie bei den Drinkmanns. „Jede Woche kommen Anfragen für Kinder und Jugendliche aus Krankenhäusern, Hospizen, Schulen, Kitas, Jugendämtern, Erziehungsberatungsstellen, aus der Notfallseelsorge und Arztpraxen dazu“, so Schroeter-Rupieper.

Die Trauergruppenarbeit wird ausschließlich durch Spenden finanziert. 13 qualifizierte Leute arbeiten an der Seite von Lavia-Gründerin Schroeter-Rupieper in den Gruppen mit. Auch David besucht wieder eine Gruppe. Was die Mutter bewegt, wie es ihr seelisch geht, darüber sprechen die Frauen bei Kaffee und Wasser in Ute Drinkmanns Wohnzimmer. Oft geht es um den Jungen. Manchmal auch um Angst und Tod.

Fröhliches Ferienerlebnis mit dem Vater im Buch voller Erinnerungen

Im St. Josef-Hospital in Horst ist Ute Drinkmann regelmäßig an jedem Donnerstag. Chemotherapie. „Die Leute dort sind einfach klasse. Ich fühle mich dort gut aufgehoben“, sagt Ute Drinkmann. Die durchaus in Sarkasmus geübt ist. Denn als ihr der behandelnde Arzt kürzlich mitteilte, „wir machen jetzt mal eine Chemo-Pause“, da habe sie ihm geantwortet: „Das geht aber nicht, mein ganzer Wochenplan gerät durcheinander.“

David – er besucht die Ev. Gesamtschule in Bismarck und ist unter anderem Mitglied bei den Pfadfindern – hat in der Trauergruppe gelernt, was ihn trotz Trauer und Traurigkeit stark macht im Leben. In dem 2012 von Mechthild Schroeter-Rupieper heraus gegebenen Buch voller Erinnerungen („Niemals geht man so ganz“) hat er sogar eine fröhliches Urlaubserlebnis mit seinem Vater in einem Ferienpark in Bayern beschrieben.

Wer die Arbeit des Fördervereins Trauerbegleitung e.V. etwa mit Spenden unterstützen möchte, kann sich auf der Homepage des Vereins informieren.

 
 

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