Pinocchio als düsterer Alptraum in Gelsenkirchen

Pinocchio mit seinem leichenblassen Schädel und seinen teuflisch glutroten Augen hat nicht mehr viel mit Carlo Collodis Kinderbuchfigur gemein. 
Pinocchio mit seinem leichenblassen Schädel und seinen teuflisch glutroten Augen hat nicht mehr viel mit Carlo Collodis Kinderbuchfigur gemein. 
Foto: Veranstalter
Das Düsseldorfer Ensemble „half past selber schuld“ eröffnete mit seiner bizarr-abgedrehten Sichtauf den einzig wahren Holzkopf die Figurentheaterwoche.

Gelsenkirchen.. Pinocchio dreht durch. Der Giftzwerg greift zum Hackebeil und metzelt das Rindviech, das ihm versehentlich die Nase eingetreten hat, nieder, haut die Kuh in kleine Stücke. Dieser durchgeknallte Pinocchio hat nichts mehr gemein mit dem hübschen, hölzernen Bengel aus der Kinderbuchgeschichte von Carlo Collodi. Das Düsseldorfer Ensemble „half past selber schuld“ eröffnete mit seiner bizarr-abgedrehten Sicht auf den einzig wahren Pinocchio am Samstagabend die 4. Figurentheaterwoche Gelsenkirchen im Consol Theater innovativ, inspiriert und vielschichtig.

Seit 40 Jahren schon lässt Gelsenkirchen die Puppen kunstvoll tanzen. Zunächst als „Tage des deutschen Puppenspiels“ im Revierpark Nienhausen, dann seit 2010 in städtischer Regie als Figurentheaterwoche. Ein Erfolgsprojekt, wie Festivalleiter Hans-Joachim Siebel zur Eröffnung vor voll besetztem Haus berichtete: „Alle Abendveranstaltungen sind bereits restlos ausverkauft, ebenso die Vormittagsvorstellungen für Kindergärten und Schulen.“ Nur für die Nachmittage gibt es noch ein paar Einzeltickets. Die hohe Qualität der Produktionen jenseits klassischen Kasperle-Theaters für Kinder hat sich längst über die Grenzen der Stadt hinaus herumgesprochen. Auch die Eröffnung enttäuschte da nicht.

Krimi, Schauermärchen, Groteske

Die siebenköpfige Truppe, die ihre aufwendig inszenierte Kunstform trefflich als „Bühnencomic“ bezeichnet, setzt sich mit ihrem Spiel erzählerisch auf die Spuren des „wahren“ Pinocchios. Ein italienisches Archäologenteam entdeckt auf einem Friedhof das Grab von „Pinocchio Sanchez“ und spürt dem Leben eines Waisenknaben nach, der mit sechs Jahren aufgehört hat zu wachsen. Der in Kneipe, Gosse, im napoleonischen Krieg (Grass‘ Blechtrommler lässt grüßen), in der Werkstatt eines verrückten Wissenschaftler, der vom Bau eines Maschinenmenschen träumt, und im Zirkus landet, wo er sich schließlich das Genick bricht.

Surreal? Auf jeden Fall! Ein Stück, inszeniert als wilde, atmosphärisch dichte Szenen-Collage aus Puppen- und Schattenspiel, Stimmenperformance, Musik und Schauspiel, mal Krimi, mal Schauermärchen, mal Groteske. Die Spieler, alle komplett schwarz gekleidet, führen sichtbar die Figuren. Pinocchio mit seinem leichenblassen Schädel und seinen teuflisch glutroten Augen tanzt mit Hilfe gleich dreier Puppenspieler über die Bühne.

Und so, wie es am Anfang die Kuh umgehauen hat, haut dieser schrille Reigen am Ende auch das Publikum um, als es langsam aus dem düsteren Alptraum wieder erwacht und dann zufrieden Beifall spendet.

Die meisten Vorstellungen sind ausverkauft

Insgesamt 15 Vorsetllungen bietet die 4. Figurentheaterwoche Gelsenkirchen bis Sonntag, 31. Januar. Die meisten Produktionen sind bereits ausverkauft.

Dem Festival eine Bühne geben das Consol Theater, Schloss Horst, der Kulturraum „die flora“, das Dietrich-Bonhoeffer-Haus und das Erich Kästner-Haus. Infos unter gelsenkirchen.de/figurentheaterwoche oder Telefon 0209 9882282

 
 

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