Neuer Roman der Gelsenkirchener Autorin Elke Schleich

Elke Schleich am Bahnübergang Uchetingstraße. Im Jahr 2012 stellte sie dort „Gummitwist in Schalke-Nord“ vor.l
Elke Schleich am Bahnübergang Uchetingstraße. Im Jahr 2012 stellte sie dort „Gummitwist in Schalke-Nord“ vor.l
Foto: WAZ FotoPool
„Wir haben alles hingekriegt“. So titelt die Gelsenkirchener Autorin Elke Schleich ihren neuen Roman, der sich auf die Spur zweier typischer Ruhrgebietsbiografien setzt.

Gelsenkirchen.. Die eine wuchs auf in entbehrungsreichen Kriegsjahren, die andere wurde mitten hinein ins prosperierende Wirtschaftswunderland geboren. Groß geworden zu völlig unterschiedlichen Zeiten, plagten Mutter und Tochter in ihrer Jugend doch ganz ähnliche Sorgen, glichen sich verblüffend ihre Träume und Sehnsüchte. Höhen und Tiefen erlebten Gerti und Leni, und beide sagen im Rückblick stolz, zufrieden und selbstbewusst: „Wir haben alles hingekriegt“. So titelt die Gelsenkirchener Autorin Elke Schleich ihren neuen Roman, der sich sensibel und unaufgeregt auf die Spur zweier typischer Ruhrgebietsbiografien setzt.

Das Buch mit dem Untertitel „Die Geschichte von Gerti und Leni“ ist in diesen Tagen im Bottroper Verlag Henselowsky Boschmann erschienen und trägt zeitweilig autobiografische Züge. „Die Geschichten stimmen zum Teil, beschreiben Lebensstationen von meiner Mutter und mir, einige weitere Figuren existieren ebenfalls, anderes ist schlicht Fiktion“, sagt die Autorin, die 2012 mit ihrem Erzählband „Gummitwist in Schalke-Nord“ dem Leben im Ruhrgebiet der Fünfziger und Sechziger ein viel beachtetes literarisches Denkmal gesetzt hatte.

Wahres Lesevergnügen

Nun die Geschichte von Gerti und Leni, die Elke Schleich so liebevoll, detailliert, geschickt unspektakulär und launig-leise erzählt, dass sie zu einem wahren Lesevergnügen gerät. Die Stationen ihrer Zeitreise beginnen jeweils mit einem kleinen Tagebucheintrag. Danach beschreibt die Erzählerin die jeweiligen Erlebnisse ihrer Protagonisten und schafft so wieder Distanz und Außensicht.

Der erste Teil schildert Gertis Start in ein neues Leben nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Die letzten Kriegsmonate verbrachte die junge Gelsenkirchenerin als Wehrmachtshelferin bei einer Flak-Batterie in Niedersachsen. Gerti macht sich schließlich zu Fuß auf den Weg zurück in die Heimat („Ich werde mich an jeden dieser Tage bis an mein Lebensende erinnern.“)

Der Leser begleitet sie bei der ungewöhnlichen Reise, bei Übernachtungen auf Bauernhöfen, bei Begegnungen mit hilfreichen Geistern, spürt Hoffnungen, Hunger und Ängsten nach. Er erfährt von der ersten großen Liebe, von Glück und frühen Enttäuschungen, von der Gründung einer Familie, von Alltagssorgen und bescheidener Zufriedenheit: „Der Krieg hat mir einen Teil meiner Jugend gestohlen. Aber danach … Ich liebe meine drei Kinder und auch meinen Heinz, irgendwie.“

Kinder im Barbie-Fieber

Der zweite Teil beginnt mit ganz anderen Sorgen: Alle Kinder sind im Barbie-Fieber, nur Leni, das Mädchen aus Schalke-Nord, besitzt noch keines dieser Plastikwunder. Eine Katastrophe! Ebenfalls der windschiefe Tannenbaum, den Mutter Gerti mit Mühe fürs Weihnachtsfest besorgt hatte. Elke Schleich, 1953 in Gelsenkirchen geboren, erzählt vom „Herzklopfen anne Bude“, vom ersten Reitunterricht und frühen Schreibübungen. Da erkennt der Leser unschwer die Autorin wieder, die über sich sagt: „Pferde und das geschriebene Wort, beides faszinierte mich schon als Kind.“

Die Schriftstellerin, die im Hauptberuf als Sekretärin an der Westfälischen Hochschule in Buer arbeitet, lebt heute in Westerholt. Ihre Mutter wohnt 93-jährig weiterhin im Süden der Stadt und freut sich über das aktuelle Buch, in das so viele ihrer Erinnerungen mit eingeflossen sind.

Das Buchcover zeigt zwei alte Fotos: Es könnten Gerti und Leni sein, es sind Mutter und Tochter Elke Schleich. „Da waren wir beide 19 Jahre alt.“ Das Cover verspricht nicht zuviel: „Ruhrgebiet de luxe“.

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