Neue Demenzbegleiterinnen in Gelsenkirchen

21 türkischsprachige Frauen absolvieren eine Ausbildung zu ehrenamtlichen Begleiterinnen für demenzkranke Migranten.
21 türkischsprachige Frauen absolvieren eine Ausbildung zu ehrenamtlichen Begleiterinnen für demenzkranke Migranten.
Foto: FUNKE Foto Services
21 Frauen unterschiedlichen Alters ließen sich bei einem Lehrgang im Gelsenkirchener Servicezentrum der Awo zu Demenzbegleiterinnen ausbilden.

Gelsenkirchen.. „Das Herz vergisst nicht“, heißt der Film, den Serpil Kilic in ihren Vorträgen gezeigt hat. In türkischer Sprache – weil ihre Zielgruppe Menschen mit türkischen Wurzeln sind, die sich mit dem Thema Demenz auseinandersetzen sollen, um als Gönüllü melekler – als ehrenamtliche Engel – dementiell erkrankte Menschen aus der türkischen Gemeinschaft im Alltag zu begleiten.

21 Frauen unterschiedlichen Alters sind die Ersten unter Gleichen, die kürzlich an einem eintägigen Lehrgang im Demenz-Servicezentrum der Awo an der Paulstraße teilgenommen haben. Am Ende hielten sie eine Bescheinigung in Händen, die sie als Demenzbegleiterinnen ausweist.

"Es braucht viel Geduld und Wissen"

So unterschiedlich die Frauen aus Moschee-Vereinen und dem Elterncafé der Beckeradschule, so eindeutig ihre Motivation, sich in diesem Bereich einzubringen: „Menschen helfen, die unsere Hilfe brauchen.“ So formuliert es etwa Sengül Ayhan (49). Ayse Yaylan (34), deren Mutter an Demenz leidet, schlägt den Bogen zum Glauben und sagt: „Es gibt ein Zitat unseres Propheten: Wir sollen den Menschen helfen.“ Für die examinierten Altenpflegerin Arife Celebi (33) hat sich die dementielle Erkrankung als eine der schwierigsten heraus gestellt. „Es braucht viel Geduld und Wissen. Ein Mensch mit Demenz braucht für jeden Schritt Begleitung. Das erfordert viel Kraft.“ Besonders für die Angehörigen, sagt sie. Mit 17 Jahren sei sie in den Beruf gegangen, jetzt sei es an der Zeit, sich auch ehrenamtlich einzubringen. Mit der Liebe, die sie zum Beruf habe.

Arzu Aksu sieht ihre neue Aufgabe als „Geben und Nehmen in einer Konsumgesellschaft, in der zu wenig geteilt wird“.

Die Angehörigen entlasten

Über die Resonanz auf das erste Ausbildungsangebot ist nicht zuletzt Serpil Kilic angetan. Sie leitet gemeinsam mit zwei Kolleginnen das Demenz-Servicezentrum NRW für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt. Muttersprache, Religion und Kultur spielten eine große Rolle bei der Betreuung Erkrankter, weiß sie. Weil Menschen, die vergessen, eben auch die Erinnerung an die gelernte Zweitsprache verlieren. Weshalb unter anderem die Herkunft der ehrenamtlichen Begleiter so wichtig sei.

Wie die Arbeit im Alltag nun aussieht? Gülüzar Öztürk (35) beschreibt das so: „Wir werden uns umschauen in unseren Kreisen und zu zweit in die Familien gehen, wo Bedarf ist.“ Der Rückhalt dementiell Erkrankter in den Familien sei ganz wichtig, aber nicht minder bedeutend sei, die Angehörigen auch zu entlasten. Heißt, ihnen auch Zuhause zur Seite zu stehen. Die Frauen sind sich sicher, dass die Menschen nach dem Erstbesuch begreifen, dass man ihnen helfen will. Und dann würden sie sich auch freuen.

Schneeballeffekt erwünscht

Gülüzar Özturk meint nach der Zertifikatübergabe: „Wir sind hier, weil wir das als Menschenpflicht sehen. Und wir werden, wenn wir selbst alt sind, auch froh sein, wenn wir Hilfe bekommen. Hilfe, wie sie etwa schon heute die Mutter von Sabire Gökyar erfährt. Die Tochter erzählt: „Unsere Generation kann sich verständigen. Es gibt aber viele Ältere, die die Sprache nicht so gut kennen.“ Und das sei im Krankheitsfall ein Problem.

Projektleiterin Emsal Ay macht keinen Hehl aus ihrer Überraschung: „Ich war erstaunt, wie viele Teilnehmerinnen da waren. Das wird einen Schneeballeffekt haben.“ Was angesichts des demografischen Wandels auch in Zuwandererfamilien sicher nötig ist.

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