„Münte“ fordert eine Umverteilung zugunsten der Familien

„Familie in Zeiten des demografischen Wandels“ lautete das Thema einer Fachtagung des „Zukunftsforum Familie“ e.V. in der Awo-Begegnungsstätte. Gastredner war der Bundesminister a.D. und SPD-Politiker Franz Müntefering. Ergebnis: Familien mit Kindern sind in Deutschland benachteiligt.

Gelsenkirchen. Wir leben alle länger – wer den 74-jährigen Franz Müntefering auf der Bühne im Awo-Begegnungszentrum sieht und hört, hat daran keinen Zweifel. Nicht nur, weil seine Ehefrau 40 Jahre jünger ist, er fast asketisch wirkt und den Genossen Sigmar Gabriel wahrscheinlich konditionell übertreffen würde, er spult in seinem Vortrag auch jede Menge Zahlen ab. Vor allem zur Bevölkerungsentwicklung.

Müntefering, früherer Bundesminister, ist Gastredner auf der Fachtagung „Familie in Zeiten des demografischen Wandels“. Im Baby-Boomer-Jahr 1964 wurden in der Bundesrepublik 1,5 Mio Kinder geboren, 2013 waren es nur noch 670.000. Vor allem bei gut ausgebildete Frauen liege die Fruchtbarkeitsrate bei 1,2 Kindern, bei weniger gut ausgebildeten bei 1,8. Mit knarzender Sauerland-Stimme schmettert er viele dieser Sätze in den Saal. Die Frage sei: Was müssen wir wieder für die Familien tun? Seine Rezepte sind nicht neu, aber aus seinem Mund klingt es wie ein Aufbruch. „Wir brauchen eine Politik der Nachhaltigkeit.“ Müntefering fordert, „die entscheidenden Dinge vor Ort zu tun“: mit einer guten Infrastruktur, mit Kitas, Schulen und Ärzten, einer planbaren Zukunft für junge Menschen, mehr Wertschätzung im Beruf, einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Frankreich und Skandinavien

Für Sätze wie diesen bekommt „Münte“ Beifall: „Der ehemalige Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann habe 12 Mio verdient – 600 mal so viel wie eine Krankenschwester, aber keiner kann so gut sein wie 600 Krankenschwestern.“

Gelsenkirchen steht – im Vergleich zu anderen Großstädten – gut da, was die demografische Entwicklung angeht. Jeder vierte Gelsenkirchener, jede vierte Gelsenkirchenerin sei unter 25, betont Oberbürgermeister Frank Baranowski. „Das bestätigt mich darin, auf eine gute Familienpolitik zu setzen.“

Nachsatz: Wenn denn die in Land und Bund gemachte Politik mitspielen würde. Fakt ist: Das Steuersystem und die Rentenversicherung benachteiligen Familien. „Das Ehegattensplitting ist eine der größten Ungerechtigkeiten“, sind sich die Podiumsteilnehmer Renate Drewke (Awo-Vorsitzende Unterbezirk Hagen-Märkischer Kreis) und Franziska Woellert (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung) einig. Und auch „Münte“ bricht eine Lanze für die Familien: „Wir sind eine Gesellschaft, in der zu viel über die Armut im Alter diskutiert wird.“ Finanzielle Mittel, zum Beispiel aus der Abschaffung des Ehegattensplittings, müssten zugunsten der Familien mit Kindern und Jugendlichen umverteilt werden.

Als positives Beispiel gelten Frankreich und Skandinavien. Dort bleibt mehr Geld in den Familien und die Arbeitszeit orientiert sich an deren Lebenssituation. „Wir passen uns permanent der Wirtschaft an“, kritisiert Heike Gebhardt (MdL, SPD).

 
 

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