Messerattacke auf Polizisten - Angeklagtem droht die Psychiatrie

Stefan Wette
Dem Angeklagten, der zwei Polizisten in Gelsenkirchen in einen Hinterhalt gelockt haben soll, droht die Einweisung in die geschlossene Psychiatrie.
Dem Angeklagten, der zwei Polizisten in Gelsenkirchen in einen Hinterhalt gelockt haben soll, droht die Einweisung in die geschlossene Psychiatrie.
Foto: Kai Kitschenberg/WAZ FotoPool
Freundlich guckt er, gibt Auskunft und hört fast teilnahmslos die Diagnose der Gutachter: Der Verfolgungswahn, dem er nicht entkam, brachte den Auszubildenden Markus K. dazu, Polizisten in einen Hinterhalt zu locken und sie fast zu töten. Für lange Zeit müsse er in die geschlossene Psychiatrie, sagen die Psychiater.

Essen/Gelsenkirchen. Wenn man den 21 Jahre alten Gelsenkirchener aus Bulmke-Hüllen vor dem Essener Schwurgericht sitzen sieht, will man die Diagnose paranoide Schizophrenie kaum glauben. Freundlich und ruhig wirkt er. Doch er war es, der in der Nacht zum 9. August 2011 der Polizei einen Verkehrsunfall meldete und dann auf zwei Zufallsopfer wartete. Als eine 31-jährige Beamtin und ihr 46 Jahre alter Kollege 46 Minuten später in der Waterbergstraße eintrafen, griff er sie sofort an, versetzte beiden zahlreiche lebensgefährliche Messerstiche. Erst Schüsse aus der Waffe des Beamten stoppten ihn.

Paranoide Psychose

Für die Psychiater Maren Losch und Sven Kutscher ist Markus K. der klassische Fall einer paranoiden Psychose. Etwa ab der 8. Klasse gewann sie immer mehr Gewalt über den Schüler, dessen Leistungen schwächer wurden, bevor er in der zwölften Klasse das Gymnasium verließ. Unzufrieden war er und hasste Ausländer. Er trat 2006 für ein Jahr in die NPD ein, nahm Alkohol und Haschisch.

Beherrschend, so die Gutachter, wurde der Hass auf den Staat. Den Politikern warf er vor, zur Überfremdung der Gesellschaft beizutragen. Gedanken, Ideen überfluteten ihn, er selbst nannte das „Kopfsalat“, sprach von einem Knoten in seinen Gedanken. Den Gutachtern erzählte er, dass er sich heimlich überwacht fühlte vom Staat, dass er an eine Verschwörung glaube mit dem Ziel, ihn aus dem Weg zu räumen. Seine Idee: Er wollte nicht kampflos untergehen. Wollte Polizisten angreifen, damit sie ihn töteten.

Lebenslange Behandlung

Zahlreiche Belege fanden die Gutachter für ihre Diagnose in der Lebensgeschichte des Beschuldigten, in seiner familiären Situation, im Verhalten vor der Tat und in Äußerungen in der Hauptverhandlung. „Die Krankheit dauert an“, sagt Sven Kutscher, „es muss eine lebenslange Behandlung stattfinden“. Ohne die Unterbringung in der Psychiatrie sei die Gefahr weiterer Taten zu erwarten. Er erinnerte daran, dass die Symptome in all den Jahren seiner Umgebung nie aufgefallen seien. Falls irgendwann die Frage seiner Entlassung anstehe, müsse man deshalb „besonders wachsam“ sein. Kutscher machte klar, dass Markus K. in einer anderen Welt lebt: „Er hatte die Wahnidee, sich wehren zu müssen gegen eine Verschwörung. Er hatte die subjektive Gewissheit, das Richtige zu tun.“

Vor allem Nebenklageanwalt Florian Hupperts zweifelte die Schuldunfähigkeit an. Seinen Fragen an die Gutachter ließ sich entnehmen, dass er eher an die Tat eines Rechtsradikalen glaubte, der bewusst töten wollte. Psychiaterin Maren Losch bemerkte, die Diagnose sei für Nichtfachleute schwierig. Dem Beschuldigten bescheinigte sie einen „geordneten Wahn“. Zentrales Thema sei der Verlust aller Werte in der Gesellschaft, verursacht durch den Staat. Losch: „Er hatte eine Rolle im System. Er dachte, er habe eine Mission zu erfüllen, um die Welt auf Missstände aufmerksam zu machen.“ Auch wenn die Tat sorgfältig vorbereitet und ausgeführt wurde, sei sie Ausdruck seiner Psychose: „Er fühlte sich in die Enge getrieben, sah keinen anderen Ausweg.“ Losch stimmte ihrem Kollegen Kutscher bei der Prognose zu: „Es wird einer längeren Therapie bedürfen.“