Mehr Platz für die historische Mitte

Jörn Stender
Transparent angelegt aus Glas und Stahl werden die U-Bahn-Zugänge. Die Platz-Gestaltung erläutert Stadtplaner Sebastian Kröger .
Transparent angelegt aus Glas und Stahl werden die U-Bahn-Zugänge. Die Platz-Gestaltung erläutert Stadtplaner Sebastian Kröger .
Foto: WAZ FotoPool
Der Heinrich-König-Platz steigt aus der Versenkung auf. Die groben Abbrucharbeiten in der Altstadt beginnen im April. Transparente Aufbauten und die neue Oberflächengestaltung sollen bis 2015 fertig werden.

Gelsenkirchen. Irgendwann im Oktober 2015 sollen auch die Flächen an Neumarkt und Ahstraße neu gepflastert sein. Dann wird sich der Heinrich-König-Platz neben den beiden Altstadt-Kirchen aus der Versenkung erhoben haben, sind Angstecken verschwunden, ist die 80er-Jahre- Optik Geschichte. Dann werden Menschen im Georgshain zur Ruhe kommen, auf Wasserspiele schauen, in gläsernen Entrees Richtung U-Bahn streben. Gelsenkirchen wird dann um einen zentralen Platz reicher und die öffentliche Hand um kalkuliert 10,5 Mio Euro ärmer sein.

So zurückhaltend wie möglich

Soweit das Zukunftsbild, das Architekten und Stadtplaner zu Papier brachten und Bauleute in den nächsten zweieinhalb Jahren umsetzen werden. Einen ersten Eindruck gibt es bereits: Die Fläche vor dem Hans-Sachs-Haus wurde bereits entsprechend umgestaltet. Der Einsatz wird sich für die Stadtgesellschaft lohnen. Davon ist Baudezernent Michael von der Mühlen überzeugt: „Wir werden eine durchgreifende, grundlegende Verbesserung bekommen. Wir haben die Chance, in der historischen Mitte der Stadt einen großzügigen und offenen Platz zurückzugewinnen.“

Dass er an einer „Gelenkstelle“ auf der langen Achse zwischen Einkaufszone, Verwaltung und Musiktheater im Revier liegt, lädt die Entwicklung bedeutsam auf. Die Fläche soll künftig stärker „bespielt“ werden – bei Stadtfesten, Public Viewings, Musikveranstaltungen, Märkten. Entsprechend erhofft sich der Baudezernent auch eine „Impulswirkung für das künftige Investitionsverhalten“.

Eine Großbaustelle vorgesetzt

Erstmal bekommen die Anlieger jedoch eine Großbaustelle vorgesetzt. Der Startschuss fiel unspektakulär aus – unten auf der Fahr- und Verteilerebene laufen erste Arbeiten. Der Brandschutz erfordert hier größeren baulichen Aufwand. Den groben Fahrplan stellte Donnerstag Ulrich Krampe vom Bochumer Büro Krampe Schmidt Architekten in der „Bluebox“ vor. Der U-Bahn-Bereich bekommt neue Zugänge und eine feste Treppe. „Die Gebäude, die wir dort realisieren werden, sind so zurückhaltend und so transparent, aber so sinnvoll wie möglich.“

Für Zugänge, eine öffentliches WC und Fahrstühle kommen Glas und Stahl als Baustoffe zum Einsatz, „auch um den Bürgern die Angst zu nehmen, dass sie wie bisher in ein dunkles Loch gehen“, so Krampe. Zu den roten Klinkerwänden im Untergrund werden sich gewellte Glasmosaiken als Wandverkleidung gesellen. Soziale Kontrolle und hohe gestalterische Qualität sollen auf und unter dem Platz erreicht werden. Im April beginnt oben der Abbruch der Pavillons. Ein Jahr später soll der Grund bereitet sein für die Oberflächengestaltung, die im Platz-Zentralbereich bis Februar 2015 abgeschlossen sein wird.

Herausforderung für den Handel 

Rund 40 Geschäftsleute haben ihre Läden direkt am Heinrich-König-Platz. Der Umbau ist für sie vor allem mit Umsatz-Sorgen und drohenden Einschränkungen verbunden. „Wir wissen, dass es laut wird und dass es Dreck geben wird“, warnt der Baudezernent vor und wirbt um Verständnis. Doch die Einschränkungen sollen in der Bauzeit so gering wie möglich gehalten werden. Der Zugang zur Straßenbahn, verspricht die Bogestra, „bleibt rund um die Uhr über zwei Zugänge möglich. Die Baustelleneinrichtung wird mittig auf dem Platz konzentriert, die Geschäfte sollen weder durch Bauzäune verstellt noch abgeschnitten werden. Eine logistische Herausforderung steht an, wenn die Platz-Vertiefung zugeschüttet wird. Über eine Baustraße an der Ev. Kirche und die Robert-Koch-Straße soll der Lastverkehr dann abgewickelt werden. „Die Erreichbarkeit aller Häuser ist jederzeit sicher gestellt“, betont Thorsten Dahlmann, einer der städtischen Projektleiter.

Im Vorfeld plant die Verwaltung noch eine ausführlichere Bau-Information im Augustinushaus, zudem will sie Anwohner und Händler in ein Informationsnetz einbeziehen. Von der Mühlen: „Wir planen zum Beispiel einen Newsletter und feste Ansprechpartner in der Bluebox.“

Neue Lifte entsprechen der Norm

Barrierefrei soll der Heinrich-König-Platz werden. Gleiches gilt für den Anschluss an den ÖPNV. Zwei Aufzüge werden ans Gleis führen. Die Kabinen-Maße waren strittig, Kritik setzte es im Vorfeld von einzelnen Behinderten-Vertretern. 1,10 mal 1,40 m groß wird nun die Kabine sein, die Eingangstüre wird 90 cm breit. „Das sind die nach DIN nötigen Maße, um einen Behindertenaufzug zu realisieren“, macht Baudezernent Michael von der Mühlen deutlich. Eine größere Version hätte aus seiner Sicht nicht vertretbare Mehrkosten bedeutet – auch weil ein massiver Durchbruch der bis zu zwei Meter starken Deckenkonstruktion nötig gewesen wäre.

Nach einem ausführlichen Praxistest auf dem Neumarkt hatte sich der Blinden- und Sehbehindertenverein gegen eine Verlegung von taktilen Orientierungshilfen aus Edelstahl auf der künftigen Platzfläche ausgesprochen. Das Votum wird Einfluss haben auf die Oberflächengestaltung der zuständigen Landschaftsarchitekten von Bernard und Sattler. „Wir werden daher die traditionellen Betonsysteme optimieren“, kündigt Mitarbeiterin Sandra Rösler an.

Zugewachsene Sichtachsen werden auf dem neuen Platz freigestellt, aus baulichen Gründen müssen zudem Bäume weichen. Deshalb werden 39 Bäume gefällt, rund 35 werden als Ersatz neu gepflanzt.

Erhalten bleibt beim Umbau der Café-Pavillon. Allerdings soll er möglichst sein Aussehen dem künftigen Umfeld anpassen. Sebastian Kröger vom Stadtumbaubüro: „Wir sind mit dem Eigentümer im Gespräch über eine Neugestaltung.“