Libanesen-Clans – Anwohner in Gelsenkirchen-Schalke fühlen sich bedroht

Nach Angaben von Anwohnern sollen an der Leipziger Straße Drogen gehandelt werden. In unmittelbarer Nähe befindet sich eine Grundschule.
Nach Angaben von Anwohnern sollen an der Leipziger Straße Drogen gehandelt werden. In unmittelbarer Nähe befindet sich eine Grundschule.
Foto: Foto: Martin Möller / Funke Fot
  • An der Leipziger Straße in Schalke sehen Bürger den sozialen Frieden in Gefahr
  • Sie leben zum Teil seit Jahrzehnten in friedlicher Nachbarschaft in ihrem Viertel
  • Heute fühlen sie sich bedroht durch Familien-Clans, berichten von Drogenhandel

Gelsenkirchen.. Anwohner der Leipziger Straße in Schalke sind beunruhigt. Sie sehen den sozialen Frieden in ihrem Viertel in Gefahr. Sie wollten der Redaktion ihr Herz ausschütten: Sie leben zum Teil seit Jahrzehnten in friedlicher Nachbarschaft in ihrem Kiez. Heute haben sie Angst, fühlen sich oft bedroht, belästigt und beleidigt. Grund sind Mitglieder dreier Familienclans – Mhallami-Kurden, auch libanesische Kurden genannt. Es sind ihre Nachbarn.

Fast ein Dutzend Anwohner hat sich mit der WAZ in einer Kleingartenanlage im Stadtsüden getroffen, abseits ihres Viertels Leipziger Straße und Münchener Straße, damit niemand Verdacht schöpft.

Was die Anwohner erzählen, klingt beunruhigend, dramatischer, als es Polizei und Kommunaler Ordnungsdienst (KOD) sehen. Sie berichten zunächst von Gängeleien durch Kinderscharen, die vorgeschickt würden, „um Sturm zu schellen oder um vor Türen und Fenster zu schlagen bis die Nerven blank liegen“. Dann von „benutztem Klopapier, das über den Zaun fliegt“ bis hin zu sexistischen Beleidigungen vulgärster Sorte. „Freut euch über jeden Tag, wo wir euch leben lassen. Bald seid ihr dran“, zitiert ein Anwohner Drohungen der Männer. Auch Kinder beteiligten sich an den Beschimpfungen wie beispielsweise „Schnauze, mein Vater hat eine Pistole.“

Die Anwohner, Berufstätige wie Rentner, sind eingeschüchtert. An den KOD wenden sie sich „kaum noch“, an die Polizei gar nicht. Zu gefährlich, sagen sie. Insbesondere weil sie sich bei Beschwerden, die sie an die Eltern von Jugendlichen richten, „gleich einer Meute finster dreinschauender Angehöriger“ gegenüber sehen. Erschüttert zeigt sich eine Anwohnerin über deren verbalen Attacken: „Dann müssen wir uns anhören: Ihr seid Schweine, wir verbrennen euch und sprengen euch in die Luft.“

Kein Einsatzschwerpunkt für die Polizei

Erst am vorletzten Samstag will ein Nachbar „zwei Schüsse“ vom Grundstück der Libanesen gehört haben. Er hat keine Zweifel, dass es nicht doch Böller waren. Die flögen den Anwohnern allerdings auch häufiger auf die Straße und vor die Füße.

Aus Polizeikreisen ist zu hören, dass die Clans keine Unbekannten sind, Angehörige bei Streits stets an vorderster Front auftauchen und das blitzschnell und zahlreich. Offenbar sind sie gut vernetzt. Allerdings: Von Straftaten ist nicht die Rede, sondern von etlichen Einsätzen wegen Randale Jugendlicher und Kinder, die meist ohne Feststellungen enden. Heißt: Oft wird niemand mehr angetroffen. Wenn, dann blieb es dem Vernehmen nach bei Ermahnungen.

Polizeisprecher Olaf Brauweiler: „Der Bereich Leipziger Straße/Regenbogenschule stellt für die Polizei keinen Einsatzschwerpunkt dar. Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz wurden bislang nicht festgestellt.“

Die Stadt äußerte sich über ihren Sprecher Martin Schulmann ähnlich: „Rund um das DFB-Minispielfeld hat es früher Trink- und Drogengelage gegeben, nachdem ein Zaun drumherum errichtet wurde, hat sich die Lage beruhigt.“ Die Leipziger Straße sei dem KOD in jüngerer Vergangenheit nicht besonders aufgefallen. Hin und wieder käme es zu Beschwerden wegen Ruhestörung durch Jugendliche. Mehr nicht.

Angeblich ein Gewehr gesehen

Die Anwohner zeichnen ein anderes Bild. Eines, bei denen die Kinder der Clans „IS spielen, dabei selbst gebastelte schwarze Fahnen begeistert schwingen und so tun, als ob sie jemanden enthaupten“. Zu später Stunde hielten sich ältere Familienmitglieder mit Fremden an oder auf dem Spielfeld an der Regenbogenschule auf, „Übergabebewegungen“ seien zu erkennen. Die Anwohner vermuten, dass dort mit Drogen gehandelt werde. Ein Mitarbeiter der Schule habe Spritzen gefunden, sagen sie. Sie berichten von regem Autoverkehr in den Abend- und Nachtstunden, von Autos aus den Niederlanden, aus dem Rheinland und aus den umliegenden Revierstädten. Oft würden eilig Kisten in die Häuser der Libanesen getragen. Danach seien die Autos schnell wieder verschwunden.

Bei Gericht tauchen Namen dieser Familien häufiger auf. Verhandelt wurde in der Vergangenheit wegen des Vorwurfs des Betrugs, Diebstahl und Raubes.

„Einmal, es war noch hell“, sagt eine ältere Dame, „habe ich gesehen, wie ein Mann einen langen Gegenstand unter einer Decke ins Haus trug. Sie rutschte runter, ein Gewehr war zu sehen.“ Gemeldet hat sie ihre Beobachtung der örtlichen Polizei aber nicht, „aus Angst, dass man mir was antut“, wie sie sagt. Nur ihrem Nachbarn, der auch mit am Tisch sitzt und jünger ist, hat sie sich anvertraut. Und noch etwas belastet sie. Im Frühjahr, glaubt sie, Zeugin von Kindesmissbrauch gewesen zu sein. An der Turnhalle hätten sich mehrere Jugendliche aus den Clans an einem Jungen vergangen. Und sie hat nicht reagiert? Sie blickt beschämt nach unten: „Ich hatte Angst.“

EURE FAVORITEN