Lange Gesichter statt Geburtstagstorte

Mit neuen Protest-T-Shirts stehen die Mitglieder des Betriebsrates der Schalker Eisenhütte am Dienstag vor dem Werk in der Magdeburger Straße. Die Belegschaft fürchtet um den Fortbestand des Unternehmens.
Mit neuen Protest-T-Shirts stehen die Mitglieder des Betriebsrates der Schalker Eisenhütte am Dienstag vor dem Werk in der Magdeburger Straße. Die Belegschaft fürchtet um den Fortbestand des Unternehmens.
Foto: WAZ FotoPool

Gelsenkirchen.. Wenn man einen Blick in die Historie eines Unternehmens werfen kann, spricht allein dieser Umstand für Tradition und Langlebigkeit. Das ist im Fall der Schalker Eisenhütte Maschinenfabrik GmbH nicht anders. Am Dienstag feierte sie ihren 140. Geburtstag, immerhin – gegründet wurde sie am 21. August 1872 durch Friedrich Grillo. Doch die Zeiten heute sind keine guten. Den Beschäftigten an der Magdeburger Straße droht eine Radikalkur: Die Hütte steckt tief in den roten Zahlen und am Jubeltag gab’s keine Torte, sondern eine Betriebsversammlung.

Anfang Juli berichtete die WAZ bereits über das wirtschaftliche Dilemma. Dem Betriebsrat war wenige Tage zuvor von der Geschäftsführung überraschend ein Interessenausgleich vorgelegt worden. Demnach droht ein Belegschaftsabbau und eine Teil-Verlagerung nach Bochum zur Eickhoff-Gruppe, zu der die Schalker gehören – und damit eine Zerschlagung des Traditionsstandortes.

Rund 90 Mitarbeiter sollen bleiben

Von den gut 210 Mitarbeitern vor Ort, so die Befürchtungen, werde nur ein Drittel bleiben können. Von 70 bis 90 Beschäftigten in zwei Betrieben ist am Dienstag die Rede. Ein Teil, ca. 20 Schalker, sollen sich weiterhin in der Montage um Schienenfahrzeuge und Kokereien kümmern. Gut 70 sollen in die neu gegründete Schalker Maschinenfabrik übergehen, die als Tochtergesellschaft unter dem Dach der Eickhoff-Holding an der Magdeburger Straße firmieren soll.

Das bestätigten Dr. Eckhard-Ulrich Conrad, Geschäftsführer der Eisenhütte, und Dr. Andreas Merchiers, Technischer Leiter, der WAZ auf Nachfrage. Sie stellten auch fest, das ein weiterer Teil der Belegschaft, rund 70 bis 80 Mitarbeiter, nach Bochum gehen soll, um dort in der Eickhoff Bergbautechnik GmbH zu arbeiten.

25 bis 30 Arbeitsplätze fallen weg

„Wegfallen sollen 25 bis 30 Arbeitsplätze“, betonte Conrad. Ob das sozialverträglich und einvernehmlich geregelt werden könne, müssten die Verhandlungen um den Interessenausgleich ergeben, die am Mittwoch in die zweite Runde gehen. „Denen kann ich hier nicht vorgreifen“, sagte Conrad. „Betriebsbedingte Kündigungen scheinen nicht ausgeschlossen zu sein“, positionierte sich dagegen Robert Sadowsky, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Gelsenkirchen, im Gespräch mit der WAZ vor den Werktoren.

Grundsätzlich sorgen die Umbauvorhaben für großes Misstrauen, weil sie laut Betriebsrat und Gewerkschaft für niemanden außerhalb der Geschäftsführung nachzuvollziehen seien, „etwa weil uns die wirtschaftlichen Eckdaten, die ursächlich sein sollen, nicht mitgeteilt werden“, so Sadowsky. Auch Joachim Hampe, Chef der städtischen Wirtschaftsförderung, appellierte in der Betriebsversammlung an die Geschäftsleitung, mit der Belegschaft zusammenzuarbeiten, um den ganzen Standort Magdeburger Straße zu erhalten.

Conrad und Merchies betonen derweil, dass die Wirtschaftlichkeit des Standortes in den aktuellen Gegebenheiten überhaupt nicht vorhanden sei. Merchies: „Das hat auch mit dem wegbrechenden China-Geschäft zu tun.“ Man könne nicht mit den Preisen aus Fernost konkurrieren.

Dem Vernehmen nach haben die Schalker seit dem Jahr 2010 rund 20 Mio. Euro Verlust angehäuft. Der Sanierungstarifvertrag wurde bisher dreimal verlängert – zuletzt bis zum 30. September 2012. Verhoben hat sich der Betrieb offenbar vor allem an einem Lok-Projekt, der Entwicklung der SDE 1800. Die Schalke-Lokomotive ist für den Vollbahnbetrieb geplant. „Und diese Entwicklung war eine Nummer zu groß“, sagen Betriebrat und IG Metall auch heute noch.

Die Geschäftsführung stimmt dem ebenfalls zu und bezeichnet die Entscheidung des damaligen Managements, in das Projekt einzusteigen, als falsch.

 
 

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