Im DDR-Kinderheim traumatisiert

Peter Kurz (64) hat selbst seine Kindheit in verschiedenen Kinderheimen in der DDR verbracht. Jetzt will er seine Traumata bewältigen.
Peter Kurz (64) hat selbst seine Kindheit in verschiedenen Kinderheimen in der DDR verbracht. Jetzt will er seine Traumata bewältigen.
Foto: Funke Foto Services
Peter Kurz möchte die schlimmen Erlebnisse in der Kindheit endlich bewältigen. Jugendamts- und Kinderheimskandal war Auslöser zur Gründung der Gruppe.

Gelsenkirchen. Hunger, Schläge, Demütigungen: Mehr als 400.000 Kinder wurden in den DDR-Jugendheimen teils grausam drangsaliert. Sie sollten sozialistische Idealmenschen werden, umerzogen mit allen Mitteln. Eiskalte Zwangsduschen, Strafhungern und Schläge gehörten für viele DDR-Heimkinder zum Alltag. Viele leiden heute noch unter den seelischen und körperlichen Folgen. So wie Peter Kurz, 64, aus Gelsenkirchen. Er will eine Selbsthilfegruppe für traumatisierte Heimkinder gründen, hat sich Unterstützung bei der Selbsthilfekontaktstelle gesucht. „Ich möchte das bewältigen“, sagt der 64-Jährige. Dabei hilft ihm auch eine Therapie, die er jetzt beginnen will.

Aus der Familie gerissen

Er lebt seit 1978 in Gelsenkirchen. Warum will er erst jetzt darüber reden? Anstoß hätten die Vorfälle im Rathaus gegeben. „Das ist ein Skandal. Man holt die Kinder nicht aus der Ecke, indem man sie nach Ungarn verschickt. Das Herausreißen aus einer Familie ist das Allerschlimmste für Kinder.“ Er selbst hat dieses Schicksal erlitten. Kurz ist gebürtig aus Gelsenkirchen-Bismarck. Die Aussicht auf Arbeit lockte die Eltern in die DDR. 1957/58 ging die Familie mit ihren fünf Kindern in das andere Deutschland.

Der Vater verließ schon nach drei Tagen die DDR Richtung Westen, die Mutter nach 14 Tagen. „Sie wollte nur 40 Mark holen“, daran erinnert sich Peter Kurz noch, der damals sieben Jahre war. Die fünf Kinder bleiben tagelang alleine in der Wohnung, bis eine Nachbarin aufmerksam wurde. Die DDR-Behörden steckten die Kinder in Heime. Eine schlimme Zeit. „Die Erzieher haben die Wut an uns ausgelassen“, sagt Kurz. Als der Kleinste im Heim muss er viel einstecken.

„Viele sind kriminell geworden“

Als er 14 ist, muss er in ein Heim für Jugendliche umziehen. Dort leben 100 Jugendliche. Der Sozialismus wird ihm eingetrichtert. Er erinnert sich an die Freiwilligenarbeit, die die Heimjugendlichen machen mussten: Buswartehallen bauen, Kinos sauber halten. „Alles für den Sozialismus“, erinnert er sich bitter.

„Zum Geburtstag gibt’s zwei Paar Socken und einmal Kaffeetrinken.“ Der Jugendliche bleibt im Heim bis er 18 ist. „Viele“, sagt er, „sind kriminell geworden“. Wer adoptiert wurde, blickte kaum in eine bessere Zukunft. „Die Adoptiveltern waren meistens 120prozentige Kommunisten.“ Zwei Geschwister von Kurz begehen später Selbstmord.

1987 in den Westen gekommen

Kurz stellt für sich und seine Familie, – inzwischen hat er geheiratet, seine Ehefrau ist ebenfalls ein Heimkind – einen Ausreiseantrag.

Er wartet zweieinhalb Jahre. 1978 zieht er nach Gelsenkirchen. Der Rangierleiter ist inzwischen im Ruhestand. Nach der Wende machte er sich auf die Suche: Zu seinen drei Geschwistern hat er heute Kontakt.

 
 

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