Hüllen, das ist „Gelsenkirchener Durchschnitt“

Leserbeirat Klaus Wehrhöfer beschreibt ein Quartier im Wandel. Größte Baustelle derzeit in Hüllen – der Bereich Schalker Verein.
Leserbeirat Klaus Wehrhöfer beschreibt ein Quartier im Wandel. Größte Baustelle derzeit in Hüllen – der Bereich Schalker Verein.
Foto: WAZ
Nicht besonders schön, nicht besonders schäbig - Hüllen fällt in Gelsenkirchen nicht weiter aus dem Rahmen. Und dennoch ist sein Viertel für Klaus Wehrhöfer Herzensangelegenheit. Ein Rundgang.

Gelsenkirchen. 1986 ist Klaus Wehrhöfer nach Hüllen gezogen. Es war nicht unbedingt Liebe auf den ersten Blick, die ihn mit seinem Stadtteil verbunden hat. Eher hat er sich angenähert – in Etappen, aber mit großem Engagement. Eine Reihe von Ehrenämtern bekleidet der Leserbeirat: Im Hüller Forum, im Gemeinderat von Herz-Jesu, bei den christlichen Sozialverbänden, in der Kolpingfamilie. Hüllen ist für Wehrhöfer, Jahrgang 1955, längst mehr als ein Wohnort. Sein Quartier ist ihm auch Herzensangelegenheit.

Und wie das so ist: „Da toleriert man die Handicaps“, sagt Wehrhöfer. „Es gibt schon ein paar Schmuddelecken. Aber im Grunde ist das hier so was wie der Gelsenkirchener Durchschnitt.“ Also: Viel 1950er-Jahre Wohnungsbau, uniforme Mehrfamilienhaus-Riegel, dazwischen alte Zechenhäuser, ruhige Nebenstraßen und breite Verkehrsadern. Hüllen, sagt Wehrhöfer, „war immer Arbeiterviertel vom Schalker Verein.“

Treffpunkt für die Quartiers-Runde ist die Wanner Straße. Gegenüber von Kaufpark und Sparkasse wächst auf der Industriebrache die Zukunft heran. Auf dem Gelände des Schalker Vereins entstehen Lebensmittelmärkte. Die Geschäfte werden sich in naher Zukunft verlagern. „Die Infrastruktur“, findet Wehrhöfer, „wird insgesamt verbessert. Es werden Einkaufsmöglichkeiten geschaffen. Aber das geht natürlich zu Lasten der Nahversorger.“ Deren Zahl ist ohnehin deutlich zurück gegangen. Und der Blick auf die Baustelle mach deutlich, was Wehrhöfer meint, wenn er sagt: „Hüllen ist ein Ortsteil, der sich extrem verändert hat.“

„An ganz vielen Stellen sieht es so aus“

Ein Stück weiter scheint dagegen die Zeit stehen geblieben zu sein. An der Vandalenstraße steht ein Monstrum von Hochbunker. „Ein Ärgernis“, findet Wehrhöfer. Doch keines, das sich mal eben beseitigen ließe. Die Natur erobert die Betonflanken. Vielleicht derzeit die einzige Art, den Riesenklotz zu kaschieren. Doch auch davor sieht Wehrhöfer Handlungsbedarf. Der Straßenbelag ist in jämmerlichem Zustand. Schlaglöcher, Risse, bröckelnder Asphalt. „Ein Klassiker. An ganz vielen Stellen sieht es so aus.“ Das traurige Detailbild passt zu mancher Fassade am Straßenrand „Das ist typisch für Hüllen“, sagt Wehrhöfer. „Hier gibt es ganz häufig Häuser, an denen keiner mehr was tut.“ Zurück blieben oft die älteren Bewohner. „Die jungen Leute ziehen weg.“

Stillstand auch ein Stück weiter. Vor Jahren wurde das evangelische Gemeindehaus verkauft. Angeblich plante ein Investor Altenwohnungen. „Doch es tut sich nichts“, sagt Wehrhöfer. Anders an der alten Grundschule: Dort entstanden Altenwohnungen und attraktive Neubauten in der zweiten Reihe. Erich-, Alemannen- und Skagerrakstraße sind abgelaufen. Vorbei geht es zwischendurch am „Nachbarschulte“. Das Traditionslokal ist dicht. „Hier haben alle Vereine getagt.“ Die Wehrhöfers haben hier Hochzeit gefeiert. Nichts aber wirkt in diesem Moment ferner als quirliges Leben.

Einen Steinwurf weiter steht „Herz Jesu“. Die „neue“ Kirche wurde 1954 geweiht. Zum Weltjugendtag 2005 wurden eine Madonna mit Kind ans Gotteshaus gestellt und ein Kreuzweg am Seitenschiff angebracht. Kerzen und Blumen zeigen, dass dieser Ort nicht verwaist ist. Für Wehrhöfer, den engagierten Christen, ist hier „ein niederschwelliges Angebot“ entstanden. „Es gibt so was wie Volksfrömmigkeit, die hier zum Ausdruck kommt.“

Ein Bürgerplatz steht auf der Wunschliste

Insgesamt hat man sich im Gotteshaus an der Skagerrakstraße kleiner gesetzt: Die Gottesdienste werktags werden längst in der Krypta gefeiert. Der Zugang führt über eine behindertengerechte Rampe. Die Anpassung an die Realitäten, sie zeichnet in dieser Stadt wohl nicht nur die Hüller und Bulmker aus.

Andererseits: Mit allem abfinden mögen sie sich doch nicht. Die Ampelschaltung für Linksabbieger aus Richtung Wanne von der Flora- in die Konradstraße steht für das Hüller Forum schon lange auf der Agenda. Wehrhöfer: „Der Bereich hat hohes Unfallpotenzial.“ Erhört wurden die Warnungen bislang nicht.

Eine andere Baustelle: An der evangelischen Kirche am Erlenbruch soll nicht nur der Adventsmarkt rund ums Gotteshaus für Belebung sorgen. „Die Idee des Hüller Forums ist es, hier an der Ecke zur Florastraße einen Bürgerplatz zu schaffen“, sagt Wehrhöfer. Ein Veranstaltungsort könnte so entstehen, hofft er – und ein Ort mit mehr Aufenthaltsqualität im Ortsteil.

 
 

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