Hier atmet jeder Stein Bergbaugeschichte

Wolfgang Steffen steht an einem Bücherschrank der Stiftung Mercator an der Bußmannstraße am Dietrich-Bonhoeffer-Haus. Hier kann man sich kostenlos Lesefutter holen oder auch solches für andere hineinlegen.
Wolfgang Steffen steht an einem Bücherschrank der Stiftung Mercator an der Bußmannstraße am Dietrich-Bonhoeffer-Haus. Hier kann man sich kostenlos Lesefutter holen oder auch solches für andere hineinlegen.
Foto: WAZ FotoPool
Wolfgang Steffen hängt an seinem Arbeiterviertel Gelsenkirchen-Hassel. Der ehemaligen Maschinensteiger des Bergwerks Lippe frönt dem ungezwungenen Miteinander. Und er engagiert sich als Seniorenhelfer

Gelsenkirchen. Still zu stehen scheint die Zeit am Hasseler Markt. Händler preisen krächzend ihre Waren an – Fleisch, Obst und Gemüse –, mittendrin bestaunt eine quirlige Kindergartenschar, was Mutter Erde alles so Essbares gedeihen lässt, nur Pferdemetzger Theo, nach dem WAZ-Leserbeirat Wolfgang Steffen sehnsüchtig Ausschau hält, ist nicht zu finden. „Schade“, sagt der 62-Jährige, „sonst hätten wir uns vor unserem Rundgang noch mit ‘ner knackigen Wurst stärken können.“

Im Schlagschatten des Zechengasthauses geht der frühere Maschinensteiger vom Bergwerk Lippe immer gern einkaufen, es erinnert ihn an seine Kindheit. Riesige Supermärkte, in denen man sich zu verlaufen droht, und auf Hochglanz polierte Auslagen sind Wolfgang Steffen eher ein Gräuel.

Man kennt ihn hier, vor allem die älteren Anwohner. Denn der Gelsenkirchener gehört zum Seniorennetzwerk, ist „ehrenamtlicher Berater“ – klar, dass eine Station der „Klöntreff“ nebenan ist. „Anträge für Pflegegeld, Seniorenverfügungen und Schwerbehinderungen – um solche Dinge kümmere ich mich“, sagt Steffen, als er bei Marianne Reinholz, Hannelore Mattern und Gerti Schenk an den Tisch geht. Das Damen-Trio ist bester Dinge, Probleme werden ein anderes Mal gewälzt.

Bergmannshäuser werden renoviert

Der Rundgang durchs Viertel führt vorbei an vielen alten Bergmannshäusern, deren frühere Hühner- und Schweineställe heute in Gästebäder oder -WCs umgebaut wurden. Überhaupt sieht man viele fleißige Hände an Backsteinwänden und Gärten im Umkreis der ehemaligen Zeche Bergmannsglück werkeln. „Eine gute Sache“, findet Wolfgang Steffen, „so werden Substanz und Stil erhalten.

Und: Man ist hier einer unter Gleichen.“ Soll heißen: Wer Villen sucht, ist in dem Arbeiterstadtteil fehl am Platz. Die Tour geht weiter über Oberfeldinger Straße, Brinkmanns- und Eppmannsweg hin zum Hasloher Weg, wo aus der Ferne schon die Windräder der Halde Scholven grüßen; weiter über den Röttgersweg mit seiner Grundschule, die viel befahrene Polsumer Straße und über die Wibringhausstraße wieder zurück zum Hasseler Markt. Der Eindruck: Hier atmet jeder Stein Bergbaugeschichte.

Pläne hängen im Foyer

Umso mehr betrübt es Wolfgang Steffen, dass die verrußten Häuser am Brinkmannsweg abgerissen werden. Auch der Mini-Supermarkt Te-Ko dort hat im Mai dichtgemacht. Erfreulich aber: Der Lebensmittelhändler liefert seit Sommer die Waren aus Marl an die Käufer vor Ort – Kundenbindung nennt man das wohl, über zig Jahre gewachsen.

Auch das in die Jahre gekommene Kultur- und Veranstaltungszentrum „Bonni“, das Dietrich-Bonhoeffer-Haus, erwacht bald zu neuem Leben. Die Pläne zum Umbau hängen bereits im Foyer. „Das ist das Zentrum des Stadtteils“, erklärt Wolfgang Steffen stolz. Moderne Büros, eine Fahrradwerkstatt, Theater, Tanz und Konzerte und noch sehr, sehr viel mehr wird es geben. Weiterhin geben, wohlgemerkt. Denn Hassels Herz hat nie aufgehört zu schlagen, es wird nur in einen jüngeren Baukörper verpflanzt.

Stadtteil hat heute 15.000 Einwohner

FlopDas Bergwerk Buer, gegründet Anfang des 20. Jahrhunderts, wurde in den 1920er-Jahren in die eigenständigen Förderzechen Bergmannsglück und Westerholt aufgespalten. Nach Abwurf der Bergmannsglück-Schächte in den 1970er und 1980er Jahren sind die Förderanlagen komplett abgebrochen worden. Einige Nebengebäude nebst Torgebäuden sind erhalten geblieben.

Auf dem Gelände befindet sich heute ein Zentrallager der RAG Deutsche Steinkohle AG. Zudem werden die Häuser an der Bergmannsglückstraße seit Anfang der 1980er Jahre künstlerisch genutzt. Unter anderem lebten und arbeiteten hier der Untertage-Zeichner Alfred Schmidt und der Künstler Werner Thiel.

Mit 6650 Haushalten liegt Hassel im Mittelfeld der Gelsenkirchener Statistik. Rund 15.000 Menschen wohnen in dem neben Scholven nördlichsten Stadtteil Gelsenkirchens, der Anteil an nichtdeutscher Bevölkerung liegt zwischen 18 und 22 %. Mit einem Durchschnittswert von 5,67 rangiert Hassel an zweiter Stelle, was den Anteil der Kinder im Alter von unter sechs Jahren an der Bevölkerung betrifft. Nur Neustadt (6,65) hat eine höhere Kinderquote. Ein Fünftel aller Einwohner Hassels sind jünger als 18 Jahre, auch hierbei ist nur Neustadt besser (21 %).

 
 

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