Gruppe „Fehlalarm“ ist eine Anlaufstelle, wenn Angst das Leben bestimmt

Lars Goerke leitet die Gruppe „Fehlalarm“.
Lars Goerke leitet die Gruppe „Fehlalarm“.
Foto: FUNKE FotoServices
„Fehlalarm“ ist eine Anlaufstelle für Betroffene. Die Dunkelziffer an Leuten, die an Angstattacken leiden, ist groß. Viele sind in ihrem Alltag massiv eingeschränkt

Gelsenkirchen.. Angst kann eine ganz normale Schutzreaktion sei. Bei manchen Menschen steigert sich dieses Gefühl aber so, dass es krankhaft wird. Angststörungen haben in den letzten Jahren zugenommen. Laut einer Studie leiden 14,2 Prozent der Befragten im Alter von 18 bis 65 Jahren im Zeitraum von einem Jahr unter einer Angststörung. Lars Goerke (43) ist selbst betroffen, nun leitet er die Selbsthilfegruppe „Fehlalarm“ in der Tagesklinik der Evangelischen Kliniken.

In der Selbsthilfegruppe hoffen sie, ein offenes Ohr, Verständnis und Orientierung zu finden. „Wir können hier nicht therapieren, wir begleiten nur und verweisen auf Hilfsmöglichkeiten“, sagt Goerke.

Noch ein Tabuthema

Die Gruppe, in der meist zwischen zwölf und zwanzig Leute sind, sitzt in einem Kreis. Viele neue Gesichter sind heute da. Deshalb gibt es eine Blitzlicht-Runde, bei der jeder Teilnehmer kurz erzählt, wie es ihm geht. Lea* (17) ist seit der 8. Klasse nicht mehr zur Schule gegangen. Sie leidet an Agoraphobie mit Panikattacken (Anm. d. Red.: unter anderem Angst vor offenen, weiten Plätzen) und an einer Angststörung, fürchtet, ohnmächtig zu werden. Die Folge ist, dass sie immer mehr zu Hause bleibt, sich isoliert, sich nicht traut, irgendwo hin zu gehen. „Ich bin noch nie in einer Disco gewesen“, erzählt sie. In der Schule hat sie unter Mobbing gelitten. Während sie das erzählt, bricht sie in Tränen aus. Eine typische Reaktion in der Selbsthilfegruppe.

Claudia* (26) hat über die Selbsthilfekontaktstelle den Weg in die Gruppe gefunden. Sie fühlt sich einsam und alleine. Der Tod des Vaters, die Scheidung, der Umzug vom Land in eine Großstadt – Claudia fühlt sich einsam, hat aber nicht den Mut, auf Menschen zuzugehen. Zur Begrüßung gibt es von Lars Goerke ein Lob: „Umso schöner, dass Du jetzt hier bist“ und tröstet: „Wir machen nicht nur die Gruppentreffen, sondern treffen uns auch außerhalb der Selbsthilfegruppe.“

Psychische Erkrankungen sind immer noch ein Tabuthema. Dabei steigt die Zahl der Betroffenen. Ob es die Gesellschaft ist, die sich verändert hat, der wachsende Leistungsdruck, der Stress in der modernen Arbeitswelt – es gibt viele Ursachen. Betroffene können mit niemandem reden, sie müssen alleine damit fertig werden. Die Umwelt will es nicht wahrhaben, auch in der Arbeitswelt wird es ignoriert. Man könne die Dunkelziffer an Leuten, die an Angstattacken leiden, nur erahnen, sagt Lars Goerke. „Wenn jeder in Gelsenkirchen, der unter Angstattacken leidet, einen roten Punkt auf die Stirn bekäme, wären wir bestimmt überrascht.“

„Wir haben ein gutes Miteinander gefunden“

Auch Astrid*, Mutter von drei erwachsenen Kindern, sagt: „Ich musste immer nur funktionieren.“ Nachdem die Ehe kaputt ging, musste sie sich Arbeit suchen. Trotz abgeschlossener Ausbildung als Notariatsfachangestellte war das Call-Center das einzige Jobangebot. Ausgerechnet. Gerade Call-Center-Beschäftigte sind überdurchschnittlich häufig von Depressionen betroffen, wie eine aktuelle Studie der Techniker-Krankenkasse (TK) belegt.

Was hilft, den Alltag zu bewältigen? Die Familie, der Partner, vierbeinige Hausfreunde. Zu den Sitzungen können auch Angehörige mitkommen. Renate* (47), Ehefrau von Udo*, der unter Panikattacken leidet, erzählt, wie wichtig es ist, dass mit den Kindern über die Krankheit des Vaters gesprochen wird. „Wir haben ein gutes Miteinander gefunden“, sagt sie.

Es in Deutschland schwierig, einen Therapieplatz zu bekommen. „Es gibt einfach keine Hilfe. Wenn einer sich ein Bein gebrochen hat, wird er doch auch behandelt“, sagt Astrid. Deshalb ist die Selbsthilfegruppe wichtig. „Ich freue mich, dass ich unter Menschen war, dass ich mich getraut habe, hierhin zu kommen. Ich würde gerne wiederkommen“, sagt Claudia.* Name geändert

 
 

EURE FAVORITEN

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Beschreibung anzeigen