Geschichten aus dem Exil

sabell, Lale, Laura und Gero (v.r.) und ihre Mitschüler der 12. Jahrgangsstufe eröffneten die Ausstellung „Haymatloz“.
sabell, Lale, Laura und Gero (v.r.) und ihre Mitschüler der 12. Jahrgangsstufe eröffneten die Ausstellung „Haymatloz“.
Foto: WAZ FotoPool

Gelsenkirchen.. Laura, Lale, Isabell, Gero und ihre Mitschüler haben einen Teil der Historie aufgearbeitet, die bislang nur am Rande der Geschichtsbücher auftauchte. Die Schüler der Gesamtschule Berger Feld beleuchten in der Ausstellung „Haymatloz – Exil in der Türkei 1933-1945“ die Geschichten Deutscher Emigranten, die während der NS-Zeit in der Türkei Zuflucht fanden. Cornelius Bischoff ist einer von ihnen.

Es waren die Bauernkinder, die Cornelius Bischoff beim Fußballspielen in den Straßen Istanbuls beibrachten, wie man akzentfrei türkisch spricht. „Ganz nebenbei habe ich so die Sprache gelernt“, erinnert sich der heute 84-Jährige. Bischoff ist einer von 1400 Deutschen, die während der NS-Zeit in die Türkei emigrierten. Die Schüler des 12. Jahrgangs freuen sich, dass sie den Zeitzeugen zur Ausstellungseröffnung ihres Friedensprojekts interviewen können – das ist Geschichte aus erster Hand!

Mitten in der Ausstellung, zwischen Schautafeln und gespannten Schülern und Gästen, erzählt Bischoff davon, wie er als Elfjähriger 1939 mit seinen Eltern und der Schwester vor den Nazis nach Istanbul floh. Der Vater hatte bereits in den Zwanziger Jahren als Geselle in der Türkei gearbeitet und dort seine Mutter kennen gelernt – eine türkische Jüdin.

Die Türkei als zweite Heimat

In Hamburg hatten sie sich ein gutes Leben aufgebaut, das die Nazis zu zerstören drohten. Die Entscheidung in die Türkei zu fliehen, fiel mit Bedacht. „Mein Vater fuhr vor und suchte sich zunächst eine Stelle“, erzählt Cornelius Bischoff. „Offiziell sind wir dann nach Paris meine Großmutter besuchen, und flüchteten dann nach Istanbul.“

Ein Jahr lang lebten die Bischoffs im anatolischen Çorum, wie die meisten der deutschen Flüchtlinge. Dort konnte Cornelius die Schule besuchen – die Sprache beherrschte er ja mittlerweile perfekt. Und so wurde die Türkei zur zweiten Heimat. „Ich identifiziere mich mit beiden Nationalitäten.“

Das hat er mit Schülern türkischer Abstammung gemeinsam. „Mir geht es genauso“, sagt die 17-jährige Lale Duman, die an dem Projekt mitarbeitete. Beeindruckt habe die Schüler die Biografien der Vertriebenen – hauptsächlich Akademiker. Als Deutsch-Türke schaffte es Bischoff, das Abitur zu machen, zu studieren und als Literatur-Übersetzer, u.a. für Yasar Kemal, zu arbeiten.

Und so erzählt die Ausstellung nicht nur vom Leid der Verfolgten, sondern auch von Schicksalen, die Mut machen. Bischoff ist das beste Beispiel. Er steht nicht zwischen den Kulturen, sondern vereint sie in seiner Person. „Bikulturalität ist ein Schatz, den man in sich trägt“, sagt Schulleiter Georg Altenkamp an seine Schüler gerichtet. „Den man für sich nutzen muss.“

 
 

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