Gelsenkirchen

Gelsenkirchener (36) am eigenen Geburtstag schwer verletzt: Warum das Verfahren zunächst eingestellt worden ist

Sascha Lemm wurde mit einer schweren Verletzung im Bergmannsheil Buer behandelt.
Sascha Lemm wurde mit einer schweren Verletzung im Bergmannsheil Buer behandelt.
Foto: imago/biky/DER WESTEN

Gelsenkirchen. Die Geschichte beginnt mit einem Facebook-Hilfeschrei. Nutzer Sascha Lemm (36) schreibt dort, dass er Opfer einer Körperverletzung geworden sei. Zwei große Narben würden nun eine Seite des Gesichts zieren, weil sein Bruder ihm mit einer Glasflasche ins Gesicht geschlagen habe.

Lemm erklärt dort, dass das Verfahren wegen Geringfügigkeit von der Staatsanwaltschaft eingestellt worden sei. Auch sei der Täter bis Dato nicht polizeilich in Erscheinung getreten. Doch die Narbe ist nicht gering, wie auf Fotos zu sehen ist, die Lemm unserem Reporter schickt.

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Auf Anfrage von DER WESTEN erklärt Oberstaatsanwältin Anette Milk, dass die Sache bisher als Familienstreitigkeit eingeschätzt worden sei, wobei der mutmaßliche Täter „ganz erheblich alkoholisiert war“ und bei der Auseinandersetzung auch eine Verletzung davongetragen habe.

In solchen Fällen fehle es im Allgemeinen am öffentlichen Interesse der Strafverfolgung, was aber voraussetze, „dass die erlittenen Verletzungen nicht erheblich sind“. Zu der Einschätzung sei es gekommen, weil die Schwere der Verletzung in der Akte „nicht mit derselben Deutlichkeit erkennbar war“, wie auf dem von DER WESTEN geschickten Bild. Weder Fotos noch ein Attest hätten sich in der Akte befunden, erklärt Milk.

Ermittlungen wieder aufgenommen

Mit dem Foto sei der Sachverhalt aber einer neuen Bewertung zugeführt und die Ermittlungen wieder aufgenommen worden. Von fehlendem öffentlichen Interesse werde nun nicht mehr ausgegangen.

Doch wie konnte es so weit kommen? Wie kann es passieren, dass eine so schwere Verletzung nicht auffällt? Und damit ein Fall, der eigentlich verfolgt werden müsste? Bleiben bestimmte Fälle unter dem Radar, weil Gerichte, Polizei und Krankenhäuser überlastet sind?

Arztbrief kam vier Monate zu spät

Oberstaatsanwältin Milk erklärt, dass Lemm ein Attest (Arztbrief) hätte einholen müssen, was er auch angekündigt habe. Das Attest sei aber nie zu den Akten gelangt.

Gegenüber DER WESTEN erklärt Lemm, dass er mehrfach versucht habe, beim Krankenhaus an den Arztbrief zu gelangen, aber immer wieder hingehalten worden sei. Letztlich kam der Arztbrief erst im August – vier Monate nach dem Vorfall und nachdem die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen bereits eingestellt hatte.

„Verzögerungen können - aufgrund von personellen Engpässen - vorkommen“

Auf Anfrage beim Krankenhaus Bergmannsheil in Buer erklärt Pressesprecherin Sabine Ziegler: „Arztbriefe werden den Patienten am Entlassungstag ausgehändigt. Hat der Patient um die Zusendung des Arztbriefes an den Hausarzt gebeten, geht der Brief am Tag der Entlassung des Patienten in die Post. Verzögerungen können - aufgrund von personellen Engpässen - vorkommen.“

Die Hausärztin sei aber informiert worden. Und weiter: „Wir bedauern ausdrücklich, dass Herr Lemm keinen Arztbrief erhalten hat, obwohl er einmal telefonisch nachgefragt hat.“ Außerdem würde bei einer Strafanzeige die Staatsanwaltschaft auf das Krankenhaus zukommen und Akteneinsicht fordern.

Diese Akteneinsicht, so erklärt Oberstaatsanwältin Milk, sei aber erst mit Einverständnis des Patienten möglich. Die Alternative dazu: Der Patient muss sich selbst um den Arztbrief kümmern.

 
 

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