Gelsenkirchen

Gelsenkirchen: Familie in Mega-Quarantäne – „Gesundheitsamt handelt nach Lust und Laune“

Eine Familie aus Gelsenkirchen fühlt sich vom Gesundheitsamt im Stich gelassen. (Symbolbild)
Eine Familie aus Gelsenkirchen fühlt sich vom Gesundheitsamt im Stich gelassen. (Symbolbild)
Foto: Christian Charisius/dpa

Gelsenkirchen. Zana Bingöl (22) aus Gelsenkirchen ist sauer.

Der 22-jährige Student fühlt sich im Stich gelassen vom Gesundheitsamt und von Ärzten in Gelsenkirchen. Er lebt gemeinsam mit seinen Eltern und seinen vier Geschwistern in einem Haushalt. Anfang August habe die gesamte Familie Krankheitssymptome gehabt, die auf das Coronavirus hindeuteten, erklärt Bingöl im Gespräch mit DER WESTEN.

Allergie oder Coronavirus?
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Gelsenkirchen: Familie fühlt sich vom Gesundheitsamt im Stich gelassen

Sie hätten zweimal telefonisch das Gesundheitsamt und die Hotline 116117 kontaktiert und sie über die Situation informiert. „Das Gesundheitsamt hat sich nicht weiter um unser Anliegen gekümmert und keinen Test durchgeführt“, sagt der junge Mann aus Gelsenkirchen.

Bei einigen Familienmitgliedern seien die Symptome dann wieder verschwunden. Doch bei seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder habe sich die Lage weiter verschlechtert. Bingöl sagt, sie hätten zweimal den Kinderarzt, den Hausarzt und das Krankenhaus aufgesucht, seien abgewiesen worden. Ein erneuter Versuch, Hilfe beim Gesundheitsamt zu finden, sei erfolglos geblieben.

Erst nachdem sich seine Mutter und sein Bruder ins Krankenhaus einwiesen ließen, wurde letztlich ein Corona-Test gemacht, erzählt er. Und hier bestätigte sich der Verdacht der Familie: Die beiden waren Corona-positiv. Auch ein Bruder ohne Symptome war Corona positiv. Die Tests der restlichen Familie fielen negativ aus.

„Mich wundert es sehr, warum sich das Gesundheitsamt nicht vor dem Test im Krankenhaus um das Anliegen von uns gekümmert hat“, sagt er. Aber etwas anderes beschäftigt ihn noch mehr. Denn das Gesundheitsamt gab als Beginn der Ansteckung den 22. August an. Es war der Tag, nachdem alle restlichen Familienmitglieder endlich getestet wurden. Die Quarantäne war damit zunächst bis 7. September begrenzt. Doch für einige Familienmitglieder wurde sie bis 21. September verlängert.

„Als Grund dafür gibt das Gesundheitsamt an, dass bei Familienmitgliedern, die erst Ende August endlich getestet wurden, der Test auf das Corona-Virus negativ ausgefallen ist. Das ist doch selbstverständlich, da die Personen zu Beginn schon die Krankheit hatten und mittlerweile sich gegen das Virus immunisiert haben“, vermutet Bingöl. „Hätte das Gesundheitsamt bzw. die Ärzte, wie von uns mehrmals aufgefordert, uns vorher getestet, wäre es nicht zu diesem Problem gekommen.“

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Das ist das Coronavirus:

  • ist SARS-CoV-2 (Abkürzung für englisch: severe acute respiratory syndrome coronavirus 2)
  • gehört zur Familie der Coronaviren, eine Infektion kann neue Atemwegserkrankung Covid-19 verursachen
  • erstmals 2019 in der chinesischen Stadt Wuhan entdeckt
  • wurde von der WHO am 30. Januar 2020 als „gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“ und am 11. März 2020 als Pandemie eingestuft
  • Infektion erfolgt in der Regel über Tröpfcheninfektion und Aerosole

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„Die Ämter arbeiten und handeln nach ihrer Lust und Laune“

„Wir sehen es nicht ein, unverschuldet einen Monat in Quarantäne zu bleiben“, sagt er. Seine jüngeren Geschwister könnten nicht zur Schule gehen, er habe bereits eine wichtige Prüfung in der Universität verpasst, müsse deshalb ein weiteres halbes Jahr dranhängen.

„Das Gesundheitsamt und auch die Ärzte in Gelsenkirchen erledigen ihre Aufgaben nicht und am Ende müssen die Betroffenen dafür gerade stehen. Sie arbeiten und handeln nach ihrer Lust und Laune“, ist er sauer.

Gelsenkirchen: Das sagt das Gesundheitsamt

Vom Gesundheitsamt Gelsenkirchen heißt es auf Nachfrage: „Zu einer Quarantänedauer von vier Wochen kann es für eine Kontaktperson kommen, wenn sie mit einer positiv getesteten Person im gemeinsamen Haushalt wohnt. Sie wird zusammen mit dem Erkrankten zuerst 14 Tage quarantänisiert und auf COVID-19 getestet sowie auf die Entwicklung der Symptome beobachtet. Bleibt die Kontaktperson bis zum Ende der Quarantäne symptomfrei und wird sie negativ getestet, verlängert sich die Quarantäne um weitere 14 Tage der Inkubationszeit.“

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Tests bei leichten Entzündungszeichen der Atemwege oder des Nasenrachenraums

Das Gesundheitsamt könne selbst keine Tests veranlassen, sondern die Betroffenen nur an die Ärzte verweisen, rechtfertigt der stellvertretende Sprecher der Stadt Gelsenkirchen, Oliver Schäfer. „Untersuchungen zur Feststellung von Erkrankungen bei symptomatischen Personen fallen in das Gebiet der medizinischen Versorgung durch niedergelassene Ärzte. Dies ist ebenso bei Covid-19 der Fall“,.

Schäfer weiter: „Die Indikation für eine Untersuchung zum Nachweis einer Covid-19 Infektion stellt ein Arzt nach den Richtlinien des Robert Koch Instituts. Diese besagen aktuell, dass bei selbst leichten Entzündungszeichen der Atemwege oder des Nasenrachenraums eine Untersuchung zum Ausschluss des neuen Coronavirus erfolgen soll.“

Warum das im Fall von Familie Bingöl nicht geschehen ist, bleibt ein Rätsel. (ms)

 
 

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