Gelsenkirchen präsentiert saniertes Rathaus als Architektur-Highlight der Öffentlichkeit

Ein Monument des Backstein-Expressionismus: Das Hans-Sachs-Haus.
Ein Monument des Backstein-Expressionismus: Das Hans-Sachs-Haus.
Foto: Martin Möller
Auferstanden aus Ruinen. Gelsenkirchen zeigt Größe mit seinem alten, neuen Rathaus. Bei einem Tag der offenen Tür können sich alle Bürger ein Bild vom komplettsanierten Hans-Sachs-Haus machen. Und das war wegen Pleiten, Pech, Pannen und Insolvenzen zwischenzeitlich nicht selbstverständlich.

Gelsenkirchen. Dieses Haus, glaubt Thilo Steinmann, „wird ziemlich sicher Furore machen“. Dieses „Haus“ hat ihn vor allem in den letzten Jahren einige schlaflose Nächte, acht Kilo Körpergewicht und ungezählte Arbeitsstunden gekostet. Steinmann, 53 und Architekt, ist der städtische Projektleiter für das Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen. Seit 2009 begleitet er den Umbau des Baudenkmals – eine Auferstehung aus Ruinen.

Am Samstag ist es soweit: Mit einem Wochenende (31.8 und 1.9) der offenen Tür (Sa 13-19, So 11-18 Uhr an der Ebertstraße) feiert Gelsenkirchen sein wiedergewonnenes Rathaus und einen architektonischen Wurf mit nationaler Strahlkraft.

Allein die Außenfassade erinnert an das historische Monument, das Innenleben wurde vom Keller bis zum Glasdach komplett neu hochgezogen. Oberbürgermeister Frank Baranowski stapelt angesichts des Ergebnisses erstaunlich tief: „Das wird eines der sehenswertesten Rathäuser im Ruhrgebiet.“

Ein hartes Ringen ums Gelingen

Die chronisch klamme Kommune hat hart um dieses Vorzeigeprojekt gerungen – Pleiten, Pech, Pannen und diverse Insolvenzen beteiligter Handwerksunternehmen inklusive. Investieren musste sie natürlich mehr, als zunächst berechnet, aber deutlich weniger, als zwischendurch befürchtet.

53 Millionen Euro, so die Berechnung 2009, sollte der Um- und Neubau ursprünglich kosten. 17 Millionen Euro steuerte das Land schließlich aus Städtebaufördermitteln bei, 52 Millionen Euro zahlt die Stadt, weitere 25 Millionen Euro blieben an Abrisskosten und für den Vertragsausstieg aus dem aus Sicht der Stadt äußerst ungünstigen Vermiet-Rückmiet-Modell.

Kosten drohten zu explodieren

2001 hatte Baranowskis CDU-Vorgänger Oliver Wittke entsprechend die Weichen gestellt, die aus Sicht der Kritiker in die Irre führten. Wittke rechnete noch, das Haus für 44 Millionen Euro mit privater Beteiligung im Bestand sanieren lassen zu können. Als die Kosten-Schätzung 2005 geradezu auf 143 Millionen Euro explodiert waren, zog Baranowski die Notbremse. „Eine der schwersten Entscheidungen meiner Amtszeit“, sagt er heute.

Im Hans-Sachs-Haus gab es da schon – wegen schwerer Baumängel aus der Vergangenheit – einen Baustopp. Die folgende Hängepartie schien fatal zu enden. Der Abriss war mehr als eine Option und weckte den Widerstand linker Ratsgruppen und in der Bürgerschaft. Gelsenkirchen stand kurz davor, ein Monument des Backstein-Expressionismus zu verlieren.

Eine Ikone der Moderne

Der Essener Architekt Alfred Fischer hatte mit dem Hans-Sachs-Haus eine Ikone der Moderne geschaffen. Von 1924 bis 1927 wurde es nach seinem Entwurf errichtet und war mehr als nur ein Verwaltungssitz – sondern auch Bücherei und Lesehalle, Musiksaal, Einkaufszone mit großzügigen Läden. Kaum ein älterer Gelsenkirchener, der nicht seine ganz persönliche Geschichte mit dem Haus verbindet: Weil er hier Abi-Ball oder Karneval gefeiert hat, weil er hier die Tanzschule beendete.

Die Kehrtwende wurde 2008 eingeleitet. Für einen Architektenwettbewerb kreierte das Hamburger Büro Gerkan, Marg und Partner (gmp) den Siegerentwurf, der schließlich realisiert wurde. Und wie: Aus dem Denkmal, von dem im Original nach über zehn Jahren Verhandlungs-, Planungs- und Bauzeit nicht viel mehr als die Backsteinfassade blieb, ist ein hochmodernes Rathaus geworden.

Vom Irischen Blaustein auf dem Fußboden bis zum lichten Glasdach sind es im Atrium 35 Meter. Fünf Etagen hoch geht der Blick. Rundum Raum, viel Raum. Und Glas. Transparenz will das neue Hans-Sachs-Haus auch baulich ausstrahlen. Die Büros öffnen sich mit Glasfronten zur Gebäudemitte, der Ratsaal mit dem im weiten Rund angeordneten Sitzungsmobiliar bietet zu zwei Seiten großzügige Ein- und Ausblicke.

Die Westfassade des Gebäudes besteht aus einer riesigen Fensterfront. In Atrium und Bürgerforum hätten bis zu 1200 Personen Platz. Das Haus bietet auf 12.000 Quadratmetern Büro- und Nutzfläche Perspektiven für die künftige Nutzung über den Verwaltungsalltag hinaus. Es will auch Veranstaltungsstätte sein.

Amerikanische Kirsche an den Wänden

Auf Linoleum stehen graue, zweckmäßige Büromöbel. Prunk geht anders. Etwas repräsentativer darf es in den Büros des Verwaltungsvorstands sein. Grauer Teppichboden wurde hier verlegt. Parkett dient als Belag für die Sitzungssäle – gefertigt aus amerikanischer Kirsche wie auch die Wandverkleidungen, die Holztüren, die Handläufe.

Geheizt wird mit Erd- und Fernwärme, installiert wurde eine Regenwassernutzungsanlage, auf dem Dach liefern Solarzellen Strom. 320 Mitarbeiter werden ab September einziehen – der Oberbürgermeister und die Verwaltungsspitze voran, gefolgt von den Fraktionen. Das Ende von Provisorien und Ämter-Zersplitterung ist nah. Jahrelang tagte der Stadtrat in einer ausgedienten Kantine.

Die politische Arbeit werde sich im Zentrum der Stadt nun wieder „stärker vor der Öffentlichkeit abspielen“, freut sich Oberbürgermeister Baranowski. „Wichtig ist, dass das Haus dann nicht irgendeiner Investmentgesellschaft gehört und wir nur Mieter sind. Es gehört dann den Menschen der Stadt.“

 
 

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