Gelsenkirchen investierte sechs Millionen Goldmark für Kanal

Sibylle Raudies
Foto: Stadtarchiv Gelsenkirchen
Das erste Schiff, ein Motorsegler, brachte schon vor der offiziellen Freigabe des Rhein-Herne-Kanals 200 Tonnen Zucker nach Gelsenkirchen. 18 Tage später begann der 1. Weltkrieg, die Einweihungsfeier fiel ins Wasser. Trotzdem ist die 100-jährige Kanalgeschichte eine Erfolgsgeschichte für die Stadt.

Gelsenkirchen. Am Sonntag beginnen in Gelsenkirchen die großen Feierlichkeiten zum 100sten Geburtstag des Rhein-Herne-Kanals mit einer großen Schiffsparade (siehe Box). Es soll ordentlich gefeiert werden. Die Eröffnungsfeier war 1914 dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum Opfer gefallen. Doch schon bevor 1908 der erste Bagger anrücken durfte, um das Bett für den neuen (Kanal-)Arm zum Rhein auszuheben, war jahrzehntelang darum gerungen worden. 1874 hatte der Kanal-Fürsprecher Thomas Mulvany die Leitung des Emscherkanal-Kommités übernommen, im Landtag gab es herbe Auseinandersetzungen. Der Osten des Landes fürchtete um seine Zukunft als landwirtschaftlich geprägte Region. 1899 lehnte die preußische Regierung die Kanalvorlage ab.

Erst 1905 wurde der Kanal-Bau im Land beschlossen. Und auch die Stadt Gelsenkirchen tat sich schwer: Auf 8,2 Kilometern Länge berührte der Kanal die Nordgrenze der Stadt. Das finanzielle Risiko, wenn der Schiffweg sich nicht rentieren würde, hatte das Land auf die Kommunen abgewälzt. Dennoch bewilligte die junge Großstadt Gelsenkirchen am 4. Dezember 1906 sechs Millionen Goldmark für Grundstückskauf und Bau des Stadthafens am Kanal. Gekauft wurde das 112 Hektar große Areal des Gut Haus Goor. Natürlich sicherten sich auch die sechs Zechen der Stadt Anlegestellen. Schließlich hatten sie das größte Interesse am neuen Wassertransportweg. 86.000 Tonnen wurden 1912 im Ruhrgebiet je Eisenbahnschienenkilometer transportiert – der Reichsdurchschnitt lag bei 7500 Tonnen. Man brauchte also dringend zusätzliche Transportwege, um die jährlich fünf Millionen Tonnen geförderte Steinkohle verkaufen zu können.

Höchster Gasometer der Welt

Es waren goldene Jahre für Gelsenkirchen. Die Geburtenrate lag 1912 bei 42 Promille (Neugeborenenateil der Gesamtbevölkerung), im Rest des Reichs waren es 25. Noch 1860 hatte Gelsenkirchen 4000 Einwohner gezählt, nun waren es 175 000.

Doch zurück zum Kanal: Ausgebaggert wurde auf 3,5 Meter Fahrtiefe, die zu erwartenden Bergsenkungen hatte man zwar im Blick, aber nicht alle Vorsichtsmaßnahmen dafür wurden genehmigt. Für maximal 1000-Tonnen-Schiffe wurde geplant – was man später bereute, die Nachbesserung kam deutlich teurer.

Die drei Straßen- und vier Eisenbahnbrücken waren zum Teil fertig, bevor der Kanal Wasser führte. Ebenso war der Hafen der Zeche Grimberg eher nutzbar als der Stadthafen. Eine Regierungskommission inspizierte den Kanal mit einem fiskalischen Schleppdampfer am 11. Juni 1914. Das erste Schiff mit Ladung, das Gelsenkirchen ansteuerte, soll der Motorsegler Elisabeth am 10. Juli 1914 gewesen sein, an Bord 200 Tonnen Zucker. 18 Tage später – noch bevor der Kanal offiziell freigegeben war – begann der Erste Weltkrieg. Den Zweiten Weltkrieg überstanden die Schleusen erstaunlicherweise, der höchste Gasometer der Welt in Heßler (148 Meter) jedoch fiel 1940 einer Bombe zum Opfer. Nutzbar war der Kanal auch nicht: Der Wasserpegel sank auf unter einen Meter. 1946 kenterte eine Behelfsfähre in Gelsenkirchen; 21 Menschen ertranken.

Nicht nur Wirtschaftsfaktor, sondern auch Freizeitfaktor

In den 50er Jahren wurde der Kanal auch in Gelsenkirchen nicht nur als Wirtschaftsfaktor (zweitgrößter Binnenhafen nach Duisburg) entdeckt, sondern auch als Freizeitfaktor. Schwimmer, Ruderer und Spaziergänger eroberten ihre Kanal-Oase. Kein ungefährliches Vergnügen: 121 Freizeitschwimmer ertranken hier 1951. Mittlerweile ist der Badespaß am Kanal streng reguliert – was leider auch heute, 100 Jahre nach der Einweihung – noch nicht jeden Schwimmer davon abhält, die Mutprobe von der Brücke zu machen.